- Flash Back
- Der letzte Riss
- Ankunft Sonnenschein
- Die Katze und die Stadt
- Der launische Gastgeber
- Glitch
- Zoff in der WG
- Risse in der Rüstung
- Tanz der Blicke
- Die Balkon-Explosion
- Der Morgen danach
- Das AI Rätzel
- Poetisches Puzzle
- Der Buchladen
- Kapitel 11: Die Belagerung der Alcazaba
- Kapitel 12: Der Friedhof
Flash Back #
Die Nacht in Málaga roch nach Jasmin und Salz, so warm, dass die Luft wie ein feuchter Film an meiner Haut hing. Er stützte sich mit den Händen links und rechts von mir ab, sein Körper so nah, dass ich seinen Atem spürte. Im sanften Schein des Mondlichts konnte ich die Wahrheit in seinem Gesicht erkennen, die Müdigkeit um seine Augen wich einer rohen, ungeschützten Sehnsucht, die meine eigene spiegelte. Er musste nicht lächeln; sein Blick hielt mich fest, verstand mich und verlangte nichts außer diesem Moment. Er lächelte nicht. Er musste nicht.
»Das ist eine schlechte Idee«, flüsterte ich. »Ich weiß«, sagte er und küsste mich trotzdem.
Es war kein sanfter Kuss. Es war die Art von Kuss, die man nicht plant einer, der in dich hinein stürzt, der dir den Boden unter den Füßen wegzieht.Die Art von Kuss, die jedes Zweifeln verstummen lässt, ein hastiges Zurückholen von etwas, von dem wir erst in diesem Moment begriffen, dass es uns gefehlt hatte. Ich schmeckte den dunklen, süßen Wein von vor Stunden, das Salz auf meinen eigenen Lippen und darunter die unverkennbare Hitze einer Seele, die viel, viel zu lange den Atem angehalten hatte.
Irgendwo drinnen pulsierte ein blaues Licht auf der Küchenarbeitsplatte still und wachsam.
Der letzte Riss #
Der Tonfall der Frau am anderen Ende der Leitung war eine meisterhafte Mischung aus gespieltem Mitgefühl und bürokratischer Gleichgültigkeit. Ich verstehe Ihre Dringlichkeit, Frau Alonso, säuselte sie, aber die Rechnungen müssen erst den internen Freigabeprozess durchlaufen. Die Buchhaltung ist leider bis nächste Woche nicht voll besetzt.
»Die Rechnung ist seit sechzig Tagen überfällig«, erwiderte ich. Meine Stimme war dabei so kontrolliert und ruhig, dass es fast schmerzte.Ich starrte auf den Bildschirm meines Computers, auf das aufwändig gestaltete Logo, das ich für diese Firma entworfen hatte. Stunden, nein, Tage hatte ich in die Perfektionierung der geschwungenen Linien und der Farbpalette investiert. Der Freigabeprozess fand statt, als Sie das finale Design abgenommen haben. Mein Honorar ist keine freundliche Bitte, es ist Teil des Vertrags.
Ich massierte mir mit Daumen und Zeigefinger die Schläfen. Der dumpfe Kopfschmerz, der seit Tagen mein treuer Begleiter war, pochte im Takt meiner wachsenden Verzweiflung. Es war immer dasselbe Spiel. Ich war Grafikerin, eine Kreative. Aber die Hälfte meiner Zeit verbrachte ich nicht mit dem Zeichnen, sondern damit, höfliche, dann dringliche, dann drohende E-Mails zu schreiben, um an das Geld zu kommen, das mir zustand. Ich war Künstlerin und unfreiwillige Geldeintreiberin in einer Person.
»Ich schau mal, was ich tun kann«, sagte Frau Richter in einem Ton, der unmissverständlich klar machte, dass sie genau nichts tun würde. Die Leitung wurde stumm.
Ich schloss die Augen und atmete tief durch. Der Geruch von kaltem Kaffee stieg mir aus der Tasse entgegen. Draußen malte ein grauer, regnerischer Himmel die Dächer der Stadt in tristen Farben. Die Wohnung war unnatürlich still, seit Jonas vor zwei Tagen seine Koffer gepackt hatte. Oder besser gesagt: seit ich ihn gebeten habe, es zu tun.
Die Tür ging auf. Er war es. Er hatte noch einen Schlüssel. »Ich wollte nur den Rest meiner Sachen holen«, sagte Jonas und vermied meinen Blick. In seiner Hand hielt er einen leeren Pappkarton. Er wirkte wie ein Fremder in dem Raum, den wir drei Jahre lang geteilt hatten.
»Kein Problem«, murmelte ich und drehte mich wieder meinem Bildschirm zu, tat so, als wäre ich beschäftigt. Ich konnte seinen Blick auf meinem Rücken spüren. Ich hörte, wie er ins Schlafzimmer ging, das Geräusch von Schubladen, die geöffnet und geschlossen wurden. Jeder Laut ein kleiner Stich.
Den eigentlichen Streit, die große, laute Konfrontation, hatte es nie gegeben. Unsere Trennung war kein Vulkanausbruch gewesen, sondern das langsame Erodieren eines Felsens. Ein stetiges, unaufhaltsames Auseinanderdriften, bis eine unüberwindbare Kluft zwischen uns lag.
Er kam zurück ins Wohnzimmer, der Karton war nun gefüllt mit Büchern, einem alten Kapuzenpulli und dem gemeinsamen Foto von unserem letzten Urlaub an der Nordsee. Er stellte den Karton neben die Tür.
»Du siehst müde aus«, sagte er. Es war keine Anschuldigung, eher eine Feststellung. »Ich jage nur meinem Geld hinterher«, erwiderte ich, der Sarkasmus war meine einzige verbliebene Rüstung. Das übliche Freelancer-Leben.
Jonas seufzte. Es war dieses Seufzen, das mich in den Wahnsinn trieb. Ein Seufzen voller Besorgnis, aber auch voller Herablassung. Ich habe es dir immer gesagt. Dieser Stress er macht dich kaputt. Such dir doch einen festen Job. Mit geregeltem Einkommen, mit Sicherheit.
Da war es wieder. Das Wort, das meine gesamte Existenz in Frage stellte. Sicherheit. Sein Lebensziel. Sein Mantra. Für mich klang es wie das Todesurteil für meine Seele.
»Du verstehst es einfach nicht, Jonas«, sagte ich leise, ohne mich umzudrehen. Das ist mein Job. Das bin ich. Ich will nicht den ganzen Tag in einem grauen Büro sitzen und Logos für Hundefutter entwerfen, die eine Marketingabteilung dann bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt.
»Es ist besser, als sich Sorgen machen zu müssen, ob man nächsten Monat die Miete zahlen kann!«, erwiderte er, seine Stimme nun lauter. Es geht darum, erwachsen zu sein. Pläne zu machen. Eine Zukunft aufzubauen.
Seine Zukunft. Ein Haus im Grünen, ein Kombi, ein Golden Retriever. In diesem Bild war für meine chaotische, kreative Seele kein Platz. Ich war die unberechenbare Variable in seiner Lebensgleichung.
Ich drehte mich auf meinem Stuhl um und sah ihn direkt an. Und was ist mit meinen Plänen? Was ist mit dem, was ich will?
»Was du willst, ist eine Fantasie!«, rief er fast. Ein Leben wie eine Bohemienne aus dem letzten Jahrhundert. Aber die Welt funktioniert nicht so! Man braucht einen Plan!
Das war der letzte, entscheidende Riss. Nicht seine Worte, sondern die Erkenntnis in seinen Augen, dass er mich nicht nur nicht verstand, sondern mich für naiv und verloren hielt. Er liebte nicht die Frau, die ich war, sondern die Frau, zu der er mich formen wollte.
Stille. Nur das Ticken der Uhr an der Wand und das leise Prasseln des Regens gegen die Fensterscheibe. »Du solltest jetzt gehen, Jonas«, sagte ich, meine Stimme brüchig, aber fest.
Er sah mich einen Moment lang an, die Wut wich einem Ausdruck von Resignation. Er nickte langsam, griff nach seinem Karton. An der Tür hielt er inne.
Pass auf dich auf. Dann war er weg.
Die Stille, die er hinterließ, war ohrenbetäubend. Ich starrte auf die leere Stelle an der Wand, wo unser gemeinsames Foto gehangen hatte. Der Kopfschmerz pochte. Die unbezahlte Rechnung auf dem Bildschirm grinste mich höhnisch an. Ich fühlte mich gefangen. In dieser Wohnung, in dieser Stadt, in diesem Leben, das sich anfühlte wie ein zu enger Schuh.
Ich musste hier raus. Nicht nur aus der Wohnung, sondern aus allem.
Mechanisch öffnete ich ein neues Browserfenster. Meine Finger schwebten über der Tastatur. Eine Erinnerung blitzte auf ein Bild aus einem anderen Leben, als ich zweiundzwanzig war, unbeschwert und voller Träume. Der Geruch von Jasmin und salziger Luft.
Málaga.
Meine Finger begannen zu tippen. Flugsuchmaschine. Ein Hinflug. Eine Unterkunft. Eine Wohnung mit Innenhof und hohen Decken. Die Bilder versprachen Kühle, Ruhe, eine andere Welt. Es war rücksichtslos. Es war impulsiv. Es war finanziell wahrscheinlich eine Katastrophe.
Aber als die Buchungsbestätigung auf dem Bildschirm erschien, spürte ich zum ersten Mal seit Monaten etwas anderes als Stress und Traurigkeit. Ein winziger Funke. Ein flüchtiger Hauch von Freiheit. Ich griff nach meinem Skizzenbuch, das seit Wochen unberührt auf dem Tisch lag. Ich musste packen. Ich musste einfach nur weg.
Ankunft Sonnenschein #
Ich hätte einen Tag früher mit dem Packen anfangen sollen. Vielleicht würde ich dann jetzt nicht zwei Koffer, einen prall gefüllten Rucksack wie ein Packesel durch den Flughafen schleppen. Mein Rücken bisher treu und still beschloss irgendwo zwischen Kofferpacken und Koffer die Treppe hinunter wuchten in den Streik zu treten. Die ersten Rückenschmerzen meines Lebens und natürlich mussten sie ausgerechnet im Urlaub ihren großen Auftritt haben.
Klar habe ich zu viel eingepackt. Das mache ich immer. Eigentlich hätte ich nur Flipflops, Badesachen und eine Flasche Sonnencreme gebraucht. Wer hätte ahnen können, dass sich Málaga Ende Juni anfühlt wie in einem Pizzaofen, der in eine nasse Decke gewickelt ist?
Am Flughafen wählte ich die falsche Sicherheitskontrolle, die ohne die magische Flüssigkeits-Check-Maschine.
Also musste ich meine Wasserflasche opfern. Natürlich erfährt man erst danach, dass es auch eine Schlange mit Flüssigkeitskontrolle gegeben hätte.
Im Flugzeug hatte ich meine COVID-Maske klugerweise irgendwo tief im Gepäck vergraben. Ich bereute es fast sofort, als ich zweimal mit offenem Mund wie ein Fisch, der plötzlich aus dem Wasser gerissen wird, aufwachte und noch zweimal, als mein Sitznachbar die Kabine mit einem Pups beglückte.
Ich landete an einem Sonntag. Mein Airbnb-Gastgeber hatte mir einen Flughafentransfer zugesichert: »Halte Ausschau nach dem schwarzen Auto«, hatte er geschrieben. Das klang unkompliziert, oder? Ich sah es sofort: einen gewaltigen schwarzen Sedan, der in der Sonne glänzte. Die heruntergelassenen Scheiben, nur ein schmaler Spalt, wirkten dabei eher spöttisch als entgegenkommend.
Daneben stand mein Fahrer, der sich träge mit einer Baseballkappe Luft zufächelte.
»Du musst mein Chauffeur Javier sein«, stellte ich fest, als ich auf ihn zuging. Er schob die Sonnenbrille einen Spalt nach unten und warf mir einen abschätzigen Blick zu.
Bienvenido. Du musst Clara sein?
»Ja, das bin ich«, nickte ich.
»Dann los?« sagte der Fahrer.
Ich schaute hinein. Die Sitze glänzten in der Hitze, dann griff ich durch den Fensterspalt und betätigte den Türgriff. Sofort bereute ich es, zog die Hand zurück und starrte auf meine Handfläche. »Ah«, murmelte ich. So also brandmarkt Málaga seine Touristen.Er schnaubte. Du solltest mal den August erleben.
Beim zweiten Versuch mit dem Ärmel als Barriere schaffte ich es, die Tür zu öffnen und mich auf den Sitz zu schieben.
Wir saßen einen Moment schweigend da, beide schwitzend, die Fenster offen, aber die Luft noch schwerer als zuvor. Er drehte den Schlüssel im Zündschloss, legte den Gang ein, und wir ruckelten vom Parkplatz. Heiße Luft schlug durch die Fenster herein und schaffte es irgendwie, schlimmer zu sein als die stehende Luft im Wagen. Ich lehnte den Kopf zurück und ließ mir die heiße Luft ins Gesicht blasen. »Wenn ich diese Fahrt überlebe«, sagte ich, kriegt du eine Fünf-Sterne-Bewertung von mir. Wenn nicht, sag bitte meiner Familie, dass ich heroisch an Hitzschlag gestorben bin. Da grinste er.
Normalerweise kommentieren die Einheimischen das Wetter nicht es gibt nichts zu sagen. Aber diesmal standen sogar die Spanier auf der Straße und murmelten madre mía la humedad und fächelten sich zu. Wenn die Spanier sich beschweren, weißt du, dass die Sonne völlig durchgedreht ist.
Als wir schließlich vor dem Apartment hielten, war mir die Hitze schon egal. Vor allem, weil ich zu 80 % sicher war, dass meine Seele meinen Körper längst verlassen hatte und auf mich im Apartment mit eine Klimaanlage wartete.
Von außen sah das Gebäude nicht nach viel aus. Einfach eine weitere sonnengebleichte Fassade in einer Straße voller sonnengebleichter Fassaden. Aber der Fahrer deutete auf eine schwere Tür aus dunklem Holz. »Hier«, sagte er. Er half mir mit dem Gepäck eine Geste, die sich weniger nach Freundlichkeit anfühlte und mehr danach, dass er mich genauso schnell loswerden wollte wie ich ihn.
Die Tür öffnete sich zu einem Innenhof. Sofort änderte sich die Welt. Die Hitze sank um ein paar Grad. Ein kleiner Brunnen plätscherte in der Mitte, sein Klang ein Balsam für meine nerven. Die Luft roch nach feuchtem Stein und Jasmin. Ich musste mich zusammenreißen, um nicht vor Erleichterung die kühlen Fliesen zu küssen.
Die Wohnung selbst lag im zweiten Stock. Der Eigentümer hatte den Schlüssel in einer Schlüsselbox hinterlassen. Der Code war einfach. Zu einfach. 1-2-3-4. Ich machte mir eine mentale Notiz, ihn darauf anzusprechen.
Drinnen war es noch besser als auf den Bildern. Hohe Decken, dunkle Holzbalken und Böden, die schon ein paar Jahrhunderte gesehen hatten. Wunderschön. Perfekt.
Ich ließ mein Gepäck im Eingangsbereich stehen und machte einen schnellen Rundgang. Ein geräumiges Wohnzimmer mit Balkon zum Innenhof. Ein Schlafzimmer mit einem Bett, auf dem man locker ein Kleinflugzeug landen konnte. Eine Küche, die wahrscheinlich besser ausgestattet war als meine eigene zu Hause. Alles makellos. Sauber.
Dann sah ich am Ende des kurzen Flurs, eine weitere Tür. Dunkleres Holz als die anderen, mit einem schweren, altmodischen Schloss. Ich versuchte die Klinke. Verschlossen. Ich spähte durchs Schlüsselloch. Schwarz. Ich überprüfte die Airbnb-Anzeige auf meinem Handy. Zwei Schlafzimmer, ein Bad. Kein Hinweis auf ein verschlossenes Büro. Seltsam.
Eine glatte, feminine Stimme kam aus einem kleinen, eleganten Lautsprecher auf dem Küchentisch.
Willkommen in der Residenz, Clara.
Ich fuhr zusammen. Wer hat das gesagt?
»Ich bin Alma, deine Hausassistentin«, antwortete die Stimme. Ich bin hier, um deinen Aufenthalt angenehm zu gestalten. Soll ich die Temperatur anpassen?
Ich starrte den Lautsprecher an. Ein Stück Hightech-Minimalismus, das so gar nicht zum rustikalen Charme der Wohnung passte.
»Alma? Was bist du?«
»Ich bin eine integrierte KI, die für die Verwaltung von Umgebung, Sicherheit und deinem persönlichen Komfort zuständig ist«, sagte sie mit perfekt gleichmäßigem Ton.
Die aktuelle Luftfeuchtigkeit beträgt achtundsechzig Prozent. Ich kann den Entfeuchter einschalten, wenn du möchtest.
Ich blieb am Wort Sicherheit hängen. »Alma, was ist hinter dieser Tür?« fragte ich und klopfte an das dunkle Holz.
Es folgte eine Pause. Nur ein Moment. »Das ist das private Büro des Eigentümers«, sagte Alma. Es ist nicht Teil der Vermietung.
»Klar«, sagte ich. Natürlich. Ergab Sinn. Aber die Art, wie Alma es sagte, klang einstudiert. Als hätte sie diese Antwort schon oft gegeben. Ich schüttelte den Kopf. Burnout und eine miese Trennung machten mich paranoid. Ich war hier, um mich zu entspannen, nicht um mir Rätsel auszudenken.
»Alma«, sagte ich, dreh die Klimaanlage auf, bis es sich hier wie in einem Kühlhaus anfühlt.
»Natürlich, Clara«, antwortete die Stimme, und kurz darauf strömte eine herrlich kühle Brise aus den Lüftungsschlitzen. Ich schloss die Augen und ließ die kalte Luft über mich hinwegziehen. Es war perfekt. Fast. Ich wurde das Gefühl der verschlossenen Tür nicht los. Oder die Stimme der allzu hilfsbereiten KI, die mich jetzt still beobachtete.
Die perfekte, gekühlte Luft der Wohnung begann sich wie ein Käfig anzufühlen. Ich brauchte Vorräte. Es war 21 Uhr. In Málaga, im Sommer, bedeutete das, dass die Sonne immer noch am Himmel hing mit einem Orange das in den Horizont blutete. Das Licht war wunderschön, filmreif. Die Hitze war es nicht. Die über den Tag gesammelte Wärme strahlte in flirrenden Wellen vom Pflaster nach oben, traf auf die Hitze, die immer noch von oben drückte. Die Luft war dick, sirupartig, etwas, durch das man sich hindurchschieben musste. Sie roch nach Jasmin aus den Innenhöfen. Ich bog um die Ecke, meine Füße fanden einen vertrauten Rhythmus auf den rissigen Fliesen des Bürgersteigs. Ich hatte hier einmal gelebt. Ein anderes Leben, ein anderes Mädchen. Ein Blitz der Erinnerung traf mich ich, zweiundzwanzig, lachend an genau dieser Ecke, gegen einen ramponierten Motorroller gelehnt, auf jemanden wartend. Die Erinnerung war so klar, dass sie wehtat. Ich drückte sie hinunter. Diese Person war ich nicht mehr.
Mein Ziel war der große chinesische Basar ein paar Blocks weiter. Der hatte immer alles. Aber als ich dort ankam, war das metallene Sicherheitsgitter heruntergezogen, die rote Farbe verblichen. Geschlossen. Natürlich. Noch eine Erinnerung: wie ich dort einen billigen Wasserkocher und nicht zusammenpassende Tassen kaufte, als ich in eine winzige Wohnung in der Nähe zog. Die kleinen Veränderungen einer Stadt, die ohne dich weitermacht.
Plan B war der Carrefour. Ein längerer Weg. Ich kürzte am Dia-Markt vorbei ab. Das offene Feld dahinter war früher eine staubige Fläche, auf der Kinder Fußball spielten, bis das Licht versagte. Jetzt war es ein provisorisches Camping Lager. Alte Wohnmobile und umgebaute Lieferwagen standen auf dem Feld, Wäscheleinen waren zwischen ihnen gespannt. Menschen lebten in diesen sonnengegerbten Metallkisten. Der Gedanke an die Hitze darin ließ meine Haut prickeln. Ein Tiefkühl-Lieferwagen als Camper umgebaut, dachte ich. Das wäre die einzige vernünftige Wahl.
Die automatischen Türen des Carrefour zischten auf, ein Tor zu einem sterilen, klimatisierten Feinkost Himmel. Die Erleichterung war so intensiv, dass sie schwindelerregend war. Ich bewegte mich schnell. Milch. All-Bran, die richtigen, ohne Zuckerglasur. Ein kleiner Becher Joghurt, der den Geschmack von Melone versprach, ein Versprechen, von dem ich wusste, dass er es nicht halten würde. Die kleinste Flasche Sonnenkreme, die es gab. Und ein Anti-Mücken-Stecker. Ich würde kein Buffet sein. Mit der Tüte in der Hand trat ich wieder hinaus. Die Sonne war endlich hinter den Gebäuden verschwunden, aber die Hitze blieb, störrisch, weigerte zu gehen. Der Himmel war ein tiefes, gequetschtes Violett. Auf dem Rückweg navigierte ich nicht nur durch die Straßen. Ich navigierte durch die Geister eines Lebens, das ich hinter mir gelassen hatte. Die Hitze fühlte sich noch genauso an, aber alles andere, vor allem ich, fühlte mich anders an.
Ich sah die schwere, dunkle Holztür meines Gebäudes vor mir. Dahinter lagen der kühle Innenhof, der Brunnen, die Stille. Und Alma, die drinnen auf mich wartete.
Die Katze und die Stadt #
Ich drängte mich durch den Innenhof, nahm diesmal kaum den Duft des Jasmins wahr. Die Wohnungstür schloss sich klickend hinter mir. Die plötzliche Stille war vollkommen. Ich ließ die Tasche auf den Boden fallen.
»Willkommen zurück, Clara«, ertönte Almas Stimme.
Ich ignorierte sie. Meine Haut fühlte sich staubig an, mein Haar klebte an meinem Nacken. Ich brauchte eine Dusche. Zielstrebig ging ich in das Badezimmer, und zog meine schweißnassen Kleider aus. Das Bad war kühl, gefliest. Ich drehte den Wasserhahn auf, ließ das Wasser auf mich prasseln erst heiß, dann herrlich kalt. Es spülte die Hitze des Tages fort, den Schmutz der Stadt.
Ich trocknete mich ab, zog ein übergroßes T-Shirt und Shorts an und taumelte ins Schlafzimmer. Das Bett groß und gemütlich verschlang mich. Der Schlaf kam schnell, tief und traumlos.
Am nächsten Morgen fühlte sich die Wohnung kälter an, als es die Klimaanlage rechtfertigen konnte. Ich mied den Küchentisch, wo Alma lebte und schlich durch die Küche..
Das Frühstück erledigte ich schnell All-Bran, überraschend knusprig, mit Milch, die kälter schmeckte, als sie sein sollte. Ich aß im Stehen, ohne Schüssel, schüttete die Flocken direkt in den Milchkarton. Effizienter. Weniger Abwasch.
Ich spülte den Karton aus, warf ihn weg und schnappte mir meinen kleinen Rucksack. Die schwere Tür schloss sich mit einem dumpfen Schlag hinter mir, und eine Welle reiner, unverfälschter Freiheit durchströmte mich. Ich war draußen! Und Málaga heiß, laut und herrlich lebendig breitete die Arme aus, um mich willkommen zu heißen.
Mein Ziel war vage: der Strand. Nicht die überfüllten Touristenorte, sondern der echte Sandstreifen, der sich westlich des geschäftigen Hafens erstreckte. Ich machte mich auf den Weg Richtung La Térmica. Die Sonne war bereits ein goldenes Versprechen am Himmel und wärmte meine Haut mit angenehmer Intensität. Die Luft summte vor Energie, schmeckte nach frischem Salz und dem lebhaften Puls der Stadt. Die Hitze tanzte spielerisch auf dem blassen Asphalt, ließ die fernen Gebäude wie Aquarelle flirren. Das war das wahre Málaga voller Charme, das einen einlud, einfach zu sein. Der Gehweg wärmte sich wohltuend unter meinen Sneakers, eine solide Verbindung zur vibrierenden Straße. Jeder Atemzug, erfüllt vom Duft der Stadt, wirkte wie ein Rausch.
Ich trieb den Paseo Marítimo entlang die breite Promenade, die sich an der Küste entlangzog. Zur Rechten glitzerte das Mittelmeer, eine endlose, saphirblaue Fläche, gesprenkelt mit fröhlichen Schwimmern. Die Chiringuitos diese fantastischen Strandbars erwachten zum Leben, ihre bunten, gestreiften Markisen eine fröhliche Einladung.
Schon am frühen Morgen wehte das unwiderstehliche Versprechen von brutzelndem Fisch und Holzkohlegrill durch die Luft. Ich schlenderte die Playa de la Misericordia entlang, ein kleines Paradies der Einheimischen. Überall sah ich Menschen, die sich in entspannter, sonnengetränkter Leichtigkeit bewegten: lachende Familien beim Aufspannen ihrer Sonnenschirme, Jogger mit entspannten Lächeln und Arm in Arm schlenderten Freundesgruppen. Hier gab es keinen Trubel, nur das freudige Knistern des Sommers, das endlose Meer und die herrliche Sonne.
Ich erinnerte mich an unzählige glückliche Nachmittage an genau diesem Strand das prickelnde Salz auf der Haut, der Geschmack eiskalter Getränke. Diese Version von mir sorglos und sonnengeküsst fühlte sich weniger wie ein Geist und mehr wie eine warme Erinnerung an. Eine Erinnerung, die mich nach Hause rief. Ich ging weiter, vorbei am letzten summenden Chiringuito, dann bog ich ins Landesinnere ab, ließ mich vom Herzen der Stadt vom glitzernden Wasser wegziehen.
Von der Weite des Strandes aus verwandelten sich die Straßen zu einem charmanten Labyrinth aus Wohnhäusern und einladenden kleinen Läden. Die Luft hier war zwar immer noch warm, aber sie fühlte sich gemütlich an, durchzogen vom beruhigenden Duft frisch gebackenen Brots und blühenden Jasmins.
Auch die Geräusche änderten sich zu einer lebendigen Symphonie aus Nachbarschafts Plausch, dem fröhlichen Hupen eines Liefer Scooters und dem geschäftigen Klappern eines Cafés.
Mein neues Ziel war der Mercado de Huelin, ein richtiger, geschäftiger Markt der Einheimischen. Ein wunderbarer Zufluchtsort, weit entfernt von touristischen Erwartungen. Die Straßen wurden enger, die Gebäude höher, schufen angenehme Schatten, doch die Wärme pulsierte weiter aus dem lebendigen Beton. Meine Haut fühlte sich lebendig an, jeder Pore sog das Málaga-Gefühl in sich auf, diesen endlosen, berauschenden Sommer und die Stadt, die ihn mit Freude einatmete.
Die Altstadt von Málaga war ein Labyrinth enger Gassen, hohe Gebäude warfen scharfe, kühle Schatten, die kurzzeitig herrliche Erleichterung brachten. Ich ließ mich treiben, bog in Gassen ein, nur weil sie interessant aussahen. Das war das Málaga, das ich in Erinnerung hatte das einen einfing und verwirrte, bis man vergaß, wohin man wollte. Die Stadt summte. Das Klirren von Espressotassen aus winzigen Cafés, das Murmeln spanischer Gespräche, das entfernte Jaulen eines Rollers, das Läuten von Kirchenglocken. Wäsche hing wie bunte Fahnen von Balkonen weit oben, bewegte sich in der leichten, heißen Brise. Jede Ecke offenbarte eine neue Textur abgetretene Pflastersteine, abblätternde Farbe an Eisenstangen, Terrakottatöpfe, aus denen Geranien quollen.
Als ich nach meinem Spaziergang zum Strand am El Pacífico, nahe der Wohnung, zurückkehrte, entdeckte ich eine kleine, versteckte Plaza, in deren Mitte ein uralter Olivenbaum stand. Eine schmale Steinbank saß in seinem spärlichen Schatten. Perfekt. Ich holte Skizzenbuch und Bleistift hervor das vertraute Gewicht beruhigte mich. Ich begann mit dem knorrigen Stamm des Olivenbaums, ließ meinen Blick dann zu den kunstvollen Schmiedeeisengittern eines Fensters gegenüber schweifen.
Ein Rascheln im Busch erregte meine Aufmerksamkeit. Eine Katze. Zotteliges Fell, die Farbe von Staub und Schatten, ein Ohr angeknabbert, Augen wie bernsteinene Splitter ein Überlebenskünstler. Sie bewegte sich mit leiser Arroganz auf mich zu.
»Na du, harter Kerl«, murmelte ich und skizzierte ihre gespannte Haltung.
Die Katze zuckte mit einem Ohr, ignorierte mich. Doch dann, als spürte sie meinen stillen, konzentrierten Blick, und sie tappte langsamer näher, vorsichtig, blieb ein paar Schritte entfernt sitzen. Der Schwanz ordentlich um die Pfoten gewickelt, beobachtete sie mich einfach. Ihr Blick war intensiv, unbeirrbar. Wie ein winziger, uralter Löwe.
»León«, flüsterte ich. So werde ich dich nennen. Mein kleiner Löwe.
Ich riss ein Stück Serrano-Schinken aus dem Sandwich, das ich vorher gekauft hatte, und warf es ihr sanft zu. Sie sah erst es, dann mich, dann wieder den Schinken an, schnappte ihn sich blitzschnell und zog sich in die Sicherheit eines Blumentopfs zurück. Sie verschlang ihn, sah mich dann wieder an ein stilles Verlangen nach mehr. Ich gab ihr noch ein Stück. Und noch eines. Sie schnurrte nicht, rieb sich nicht an meinen Beinen sie saß einfach da, nahm das Angebot an, die bernsteinfarbenen Augen fest auf mich gerichtet. Ich verbrachte eine weitere Stunde damit, sie zu skizzieren.
Die Sonne begann langsam zu sinken, malte die engen Straßen in wärmere Töne. Es war Zeit, zur Wohnung zurückzukehren. Meine Beine waren müde, mein Gesicht heiß von der Sonne, aber mein Geist war klarer als seit Tagen. Doch während ich die mir immer vertrauter werdenden Straßen zurück zur Wohnung entlangging, kehrte der Gedanke an Almas wartende Stimme zurück und an die verschlossene Tür.
Der launische Gastgeber #
Der Innenhof fühlte sich anders an, sobald ich ihn betrat. Nicht nur wegen des Jasmin-Duftes da war noch etwas anderes. Ein schwacher Geruch nach Kaffee. Ich stieß die Haustür auf. Die Stofftasche fiel mit einem dumpfen Geräusch zu Boden. Auf dem schlanken Küchentisch leuchtete Almas Licht in gleichmäßigem Blau. Aber es war nicht ihre Stimme, die die Stille durchbrach.
»Wer zur Hölle bist du?«
Die Stimme war tief und rau. Ich wirbelte herum. Er stand im Türrahmen des Zimmers das vorher geschlossen war. Das nicht Teil der Vermietung war. Er war groß, zerzaust, mit dunklem Haar, das aussah, als hätte er sich stundenlang hindurch gefahren. Seine Augen, gezeichnet von Tagen ohne Schlaf, waren vor Zorn verengt. In der Hand hielt er eine halbvolle Tasse, die nach Kaffee roch.
»Wer ich bin?« brachte ich hervor, meine Stimme schärfer als beabsichtigt. »Ich bin Clara. Ich habe diese Wohnung gebucht. Wer bist du? Und was machst du im privaten Büro des Besitzers?«
Er starrte mich an, dann den Küchentisch. Sein Blick verweilte einen Moment auf Alma.
»Ich bin der Besitzer«, sagte er, seine Stimme flach vor Unglauben und Wut. »Und das ist meine Wohnung. Was machst du hier?«
Eine kalte Angst breitete sich in mir aus, kälter als jede Klimaanlage.
»Deine Wohnung? Nein. Ich habe sie gebucht. Es wurde bestätigt. Und bezahlt.«
Er schnaubte ein humorloses Geräusch. Bestätigt? Ich bin gerade von einer Konferenz zurück, wollte von hier aus arbeiten. Ich dachte, ich hätte die ganze Wohnung. Er gestikulierte wild durch das Wohnzimmer, als wäre es ein Tatort. Du bist ein Buchungsfehler.
»Ich bin ein Buchungsfehler?« spottete ich.
Ich besitze die Wohnung, und habe keine Buchung bestätigt brüllte er, dann seufzte er und rieb sich die Schläfen. Er sah völlig erschöpft aus.
»Alma, wie kann das sein?«
Almas Licht flackerte einmal, dann wurde es wieder blau.
»Gemäß den Bedingungen einer temporären Doppelbelegung, eingeleitet vom System am 23. Juli 2025 aufgrund eines Terminüberschneidung Fehlers, ist die Wohnung derzeit sowohl Clara Alonso als auch Alejandro Vargas zugewiesen. Für die Dauer ihrer jeweiligen Buchungen ist die Wohnung gemeinsam zu nutzen.«
Ich starrte Alejandro an. Er starrte wütend auf den Lautsprecher, dann mich als wäre dieses ganze Desaster meine Schuld.
»Gemeinsam?« brachte er schließlich hervor, die Augen weit vor Unglauben.
»Also ich bleibe, ist ja auch nicht meine Schuld das deine Alma einen Buchungsfehler gemacht hat. . Du du bleibst?«
»Sieht ganz so aus, Alejandro«, sagte ich, während sich eine gefährliche Ruhe in mir ausbreitete. Mein letzter Beziehungs Crash hatte mich auf genau solche absurden Situationen vorbereitet. Du kannst ja in deinem Büro schlafen, das ist wohl nicht Teil der Vermietung.«
Er stand einfach da, den Kiefer angespannt, und sah von mir zu Alma und wieder zurück. Die Wut war noch da aber jetzt durchzogen von reiner Resignation.
Schließlich fuhr er sich mit der Hand durchs Haar eine Geste, die ein wenig Spannung löste.
»Na toll«, murmelte er. »Das ist ja fantastisch.« Er nahm einen tiefen Schluck aus seiner Tasse und verzog das Gesicht.
»Willkommen in der WG«, sagte ich trocken und verschränkte die Arme.
»Ich nehme an, du bist nicht gerade an Mitbewohner gewöhnt?«
»Mitbewohner? Ich habe seit dem Studium mit niemandem mehr zusammen gewohnt. Damals mit einem Typen, der dachte, es sei okay, seine schmutzigen Socken auf den Deckenventilator zu legen. Er schauderte, als würde er das Trauma noch einmal durchleben.«
»»Okay, das ist beeindruckend, gab ich zu. Normalerweise bin ich die mit den fragwürdigen Lebensgewohnheiten.«
»Oh, das sehe ich«, sagte er und ließ seinen Blick über meinen Rucksack, die Stofftasche und den kleinen Dreckfleck auf meiner Wange wandern.
»Und was machst du so, Clara außer anscheinend Wohnungen zu besetzen?«
»Ich bin Kreativ Künstlerin«, sagte ich vage.
»Und ich habe nichts besetzt! Und du bist du ein Programmierer?«
Seine Augenbrauen schnellten hoch. »Woher weißt du das?«
Ich deutete auf die geschlossene Bürotür.
»Intuition. Das verschlossene Büro. Die Hightech-KI. Und du«, fügte ich hinzu, »siehst aus wie jemand, der seit drei Tagen kein Sonnenlicht mehr gesehen hat.«
Er lächelte tatsächlich ein kurzes, schiefes Aufblitzen von Zähnen.
»Schuldig. Und du bist offenbar hellsichtig.«
»Ich bevorzuge 'aufmerksam' «, erwiderte ich.
»Also, Herr Vargas, was ist der Plan?«
»Er seufzte erneut«, fuhr sich wieder durch die Haare. Sein Blick fiel auf die Schlafzimmertür. Ein schneller innerer Kampf. Schließlich sagte er:
»Also gut. Du kannst das Bett haben. Ich bleibe im Büro. Ich weiß nicht, wie bequem das wird.«
»Und fügte hinzu: Ich hatte jedenfalls nicht mit einer Mitbewohnerin gerechnet.«
Er ging in Richtung Küche und murmelte etwas vor sich hin. Ich grinste. Vielleicht war eine geteilte Wohnung doch kein kompletter Albtraum.
Glitch #
Ich war gerade in der Küche und machte Tee, als ich seine Stimme hörte.Zuerst leise, dann schärfer. Spanisch, schnell, jedes Wort so abgehackt, als könnte es ihn verletzen, wenn er nicht vorsichtig war.
Das Geräusch kam aus dem Büro dem verschlossenen Raum, den er als tabu bezeichnet hatte. Nur war er jetzt nicht verschlossen.
Ich erstarrte, der Teelöffel noch in meiner Hand, während der Dampf des kochenden Wassers meine Brillengläser beschlug. Ich wollte nicht zuhören, aber ich konnte nicht anders.
»...no es posible ¿escuchas? ¡Te dije que !«
Eine Pause. Stille, bis auf das leise Summen des Laptops. Dann:
»No. Ya es demasiado tarde.«
Der Klang seiner Stimme war anders als der des Mannes, der sich mit mir über Handtücher stritt. Das hier war etwas anderes. Etwas Schweres.
Ich trat näher.
Die Bürotür stand gerade so weit offen, dass ich ihn sehen konnte über den Schreibtisch gebeugt, eine Hand in sein Haar vergraben. Auf dem Bildschirm: Zeilen von Code, grün auf schwarz, die wie Regen herab flossen. Und ganz oben, in einem grellen roten Kasten: ERROR.
»Bevor ich es begreifen konnte«, fuhr sein Kopf hoch. Unsere Blicke trafen sich.
Er klappte den Laptop so schnell zu, dass das Geräusch mich zusammenzucken ließ. Brauchst du etwas? Seine Stimme war flach und undurchschaubar.
Ich hielt die Tasse hoch. »Tee?«
Einen Moment lang dachte ich, er würde ablehnen. Dann nickte er nur einmal. Gracias.
Das war alles. Keine Erklärung. Kein Wort über das Geschrei. Kurz bevor ich ins Bett ging, durchbrach Almas Stimme die Stille. System-Update erforderlich. Warnung: instabile Verbindung erkannt. Und ich konnte immer noch das Echo seiner Stimme aus dem anderen Zimmer hören scharf, verzweifelt und an jemanden gerichtet, den ich nicht sehen konnte.
Zoff in der WG #
Der Morgen kam viel zu früh, durchdrungen vom beißenden Geruch verbrannten Toasts und dem Lärm. Ich stöhnte ins Kissen, fest entschlossen, der Welt noch ein wenig fernzubleiben. Es gibt Kämpfe, die es wert sind, im Morgengrauen geführt zu werden dieser hier gehörte eindeutig nicht dazu.
Doch wie immer siegte die Neugier. Und das Verlangen nach Kaffee.
Barfuß, das Haar noch zerzaust vom Schlaf, tappte ich durch das Apartment zur Küche. Dort, im goldenen Licht der aufgehenden Sonne, stand Alejandro. Sein Hemd hing locker offen, gerade genug, um die Andeutung definierter Linien und ein paar verstreuter Sommersprossen auf seinem Schlüsselbein zu zeigen. Das Feuer auf dem Herd warf ein warmes Glühen über seine Gesichtszüge, während er sich über ein verkohltes Stück Toast beugte nicht wie ein Mann beim Kochen, sondern wie ein Krieger, der soeben vom Frühstück besiegt wurde.
»Morgen«, sagte ich, meine Stimme noch schlaftrunken, absichtlich langsam.
Er zuckte zusammen eine kleine, köstliche Bewegung, bei der sich seine Rückenmuskeln unter dem Stoff spannten. Der Toast überlebte seinen letzten Moment nur knapp.
Oh. »Morgen«, stammelte er, räusperte sich.
Entschuldige die... atmosphärische Störung.
»So nennen wir jetzt Rauch und Geschirrklappern?« fragte ich, während ich an ihm vorbeiging und mit einem Finger beiläufig über die Marmorplatte strich.
Er seufzte, warf den Toast mit einem resignierten Platschen ins Spülbecken.
Ich bin kein Morgenmensch. Kein Küchenmensch. Und offenbar auch kein Mensch für Toast.
»Eine tragische Trilogie«, murmelte ich, jetzt nah genug, um den warmen Duft seiner Haut zu riechen würzig, etwas dunkler als der Kaffee, den ich gleich aufsetzen würde.
Kaffee?
Seine Augen trafen meine dunkel, unruhig, und für einen Moment zu lange, um belanglos zu sein.
Bitte. Schwarz. Stark. So stark, dass er Tote wecken könnte.
Ich drehte mich weg, ließ mein Grinsen unbeobachtet, und machte mich ans Werk. Die Stille zwischen uns summte, wie ein leiser Zauber, der noch keinen Namen hatte. Als ich ihm die Tasse reichte, berührten sich unsere Finger nur kurz, aber genug, um einen Stromstoß durch meinen Arm zu schicken.
Keiner von uns erwähnte es.
»Danke«, murmelte er, zog sich mit der Tasse an den Tisch zurück den Blick allerdings verlor er immer wieder in meiner Richtung.
Der Küchentisch war ein Chaos aus Handbüchern und leeren Energy-Drink-Dosen. Ein Chaos, das sich unaufhaltsam ausbreitete.
Ich lehnte mich an den Herd, der Stoff meines Morgenmantels glitt ein Stück zur Seite, enthüllte den zarten Rand meines Nachthemdes. Nicht geplant. Nicht ganz. Vielleicht doch.
»Wir sollten ein paar Regeln aufstellen«, sagte ich.
Sein Blick kehrte sofort zu mir zurück.
Regeln?
Mhm. Für das Überleben in einem gemeinsam bewohnten Apartment. Wer bekommt welches Fach im Kühlschrank? Wie viel nächtliches Programmieren oder Zeichnen ist okay? Und wer putzt dieses postapokalyptische Schlachtfeld?
Er verzog das Gesicht.
Fair. Kühlschrank: Ich oben, du unten.
Ich ziehe es auch vor, unter dir zu sein.
Seine Hand erstarrte, die Kaffeetasse schwebte für einen Moment zwischen Tisch und Lippen. Dann traf sein Blick meinen etwas dunkler jetzt.
Wärst du lieber oben?
Ich ließ eine kurze Pause zu, bevor sich ein süffisantes Lächeln auf meinen Lippen zeigte.
Wir reden noch immer vom Kühlschrank, richtig?
Er lachte leise tief, kehlig, wie etwas, das man nicht laut machen sollte, wenn man nicht bereit war, mit den Folgen zu leben.
Natürlich. Was sonst?
»Eben«, sagte ich, während ich begann, die wenigen dreckigen Tassen zusammenzuschieben.
Was das Programmieren betrifft: Ich versuche, bis zwei Uhr fertig zu sein. Meistens. Putzen: Wir wechseln uns ab. Ich habe sonst jemanden, aber
Aber mit der nicht registrierten Doppelbelegung' wäre das ein bisschen überflüssig.
Genau. Er nickte, sein Blick wanderte über mich, verweilte kurz auf meiner Brust. Wir machen das selbst.
Gut. Ich mag es sauber. Vor allem, wenn ich den Raum mit jemandem teile, der verkohlte Opfer für die Küchenkatastrophen-Götter hinterlässt.
»Und das Wohnzimmer?« fragte er, sein Blick glitt zu den Pinseln und Skizzen, die ich auf dem Wohnzimmertisch verteilt waren..
»Das sind kreative Artefakte«, sagte ich, ging langsam an ihm vorbei, meine Fingerspitzen strichen fast unmerklich über seinen Arm.
Sie brauchen Licht. Und... Zuwendung. Sie gehen nicht in Flammen auf. Meistens.
Ich spürte, wie seine Augen mir folgten, wie eine unsichtbare Wärme, die an mir haftete..
Du bist ganz schön besitzergreifend für eine Künstlerin.
Und du, Alejandro Vargas, behandelst das ganze Apartment wie dein privates Büro mit gelegentlichen Küchen Dramen. Aber es ist auch mein Zuhause. Zum Leben. Schlafen. Atmen. Malen.
Er erhob sich. Langsam. Stellte sich vor mich. Nah. Die Luft spannte sich zwischen uns, als hätte jemand eine unsichtbare Saite gespannt.
Ich spüle. Ich benehme mich.
Ach ja? Ich neigte den Kopf. Unser Atem traf sich zwischen uns.
Er antwortete nicht. Stattdessen wandte er sich ab und murmelte. Ein Moment verstrich, still und geladen. Er goss sich eine zweite Tasse Kaffee ein.
Ich begann, meine Sachen einzuräumen langsam, mit Bedacht, als wollte ich jeden Pinsel einzeln verabschieden.
»Wir müssen den Kühlschrank organisieren«, sagte ich schließlich.
»Ich mag eigentlich Ordnung, Systeme, ohne Überraschungen«, erwiderte er, ohne sich umzudrehen.
»Ich liebe Überraschungen«, sagte ich leise und seidig. Ich kündige sie nur nie an.
Er fuhr sich mit der Hand über den Nacken.
»Unterschätz mich nicht, Vargas«, sagte ich, schob mich an ihm vorbei, meine Schulter streifte seine absichtlich oder nicht, schwer zu sagen.
Ich verbrenne vielleicht keinen Toast aber dich? Durchaus möglich.
Sein Lachen war leise, aber nicht ohne Hitze.
Solange du nicht das Apartment abfackelst, Alonso.
Ich trat auf den Balkon. Die Sonne fing sich in meinem Haar wie Flammen. Mein Lächeln war langsam und selbstbewusst.
Risse in der Rüstung #
Einen Moment später hörte ich die Schiebetür aus Glas aufgehen. Er folgte mir, aus der Küche.
»Was ist das?«, fragte er und deutete auf ein Blatt Aquarellpapier, das zum Trocknen auf dem Geländer stand, und auf einer Skizze basierte, die ich gestern gemacht hatte eine schnelle Studie von León, der sich in einem seltenen Sonnenfleck räkelte.
Er betrachtete sie aufmerksam.
»Capitán Rasguño«, murmelte er fast zu sich selbst.
Ich runzelte die Stirn. Capitán Rasguño?
»Ja«, sagte er, den Blick immer noch auf die Skizze gerichtet.
Diese Katze. Jeder in der Nachbarschaft kennt sie. Sie heißt Capitán Rasguño.
»Ich habe ihn León genannt«, erwiderte ich leicht defensiv.
Er sah aus wie ein kleiner Löwe.
Er zuckte mit den Schultern, eine abfällige Geste, die jedoch das leichte Lächeln auf seinen Lippen nicht ganz verbergen konnte.
Er ist ein Überlebenskünstler. Das ist Capitán Rasguño. War er schon immer.
Einen Moment lang herrschte Stille, nur das entfernte Summen der Stadt war zu hören. Er starrte noch immer auf die Skizze, doch nun wanderte sein Blick von der Katze zu mir. Die Gereiztheit, die seit unserer ersten Begegnung, ersetzt durch etwas anderes. Neugier? Interesse? Etwas, das ich nicht ganz fassen konnte, das aber mein Herz einen Schlag aussetzen ließ. Seine Augen schienen heller, wacher und nahmen jedes Detail meines Gesichts in sich auf.
»Du bist gut«, sagte er schließlich, seine Stimme weicher als je zuvor.
Wirklich gut.
Danke, brachte ich hervor und versuchte, gleichgültig zu klingen, obwohl mein Herz raste. Er wandte den Blick ab, als hätte er einen Zauber gebrochen.
»Wenn du das echte Málaga sehen willst«, sagte er, und seine Stimme nahm wieder ihren üblichen zynischen Unterton an,
lass die Touristenfallen links liegen und geh zur Carbonería.
»La Carbonería?«, wiederholte ich. Was ist das?
»Flamenco«, sagte er und zuckte erneut mit den Schultern.
Echter Flamenco. Nicht diese verwässerte Version für Touristen. Der Ort ist hinten in einem Weinladen versteckt, leicht zu übersehen. Nur Einheimische kennen ihn. »Geh hin, wenn du willst«, fügte er hinzu. Vielleicht findest du dort Inspiration. In der Hitze, der Leidenschaft, und der Dunkelheit.
Und damit drehte er sich um und ging zurück in die Wohnung, ließ mich allein auf dem Balkon zurück, die Sonne warm auf meiner Haut, das Bild von León trocknend auf dem Geländer. Seine beiläufige Empfehlung ließ mich nicht los. Die Vorstellung, eine authentische Flamenco-Bar zu entdecken, ein verborgenes Juwel, das nur die Einheimischen kannten, war aufregend. Noch aufregender war der Gedanke, dass der grummelige Alejandro Vargas, vielleicht tatsächlich versuchte, eine Verbindung zu mir herzustellen. An diesem Abend würde ich zur Carbonería gehen.
Tanz der Blicke #
Der Abend senkte sich über Málaga, und die erdrückende Hitze des Tages wich einer milden Brise, die nach Jasmin duftete. Die Straßenlaternen warfen ein weiches, honigfarbenes Licht auf das Kopfsteinpflaster.
La Carbonería war genau so, wie er es beschrieben hatte: unscheinbar. Versteckt hinter der Fassade eines alten Wein Geschäfts, dessen Schaufenster mit staubigen Flaschen gefüllt war, gab es kein Schild, keinen Hinweis auf die Magie, die sich darin verbarg. Ich zögerte, dann trat ich durch die Tür in eine andere Welt. Die Luft war schwer vom Duft alten Holzes, verschütteten Weins und einer leichten, süßen Spur von Tabak. Der Raum war klein, dunkel und überfüllt mit Menschen, deren leises Murmeln wie ein stetiges Summen unter der Decke hing.
Ein schmaler Gang führte mich weiter hinein, vorbei an Weinfässern, die als Tische dienten, bis ich einen kleinen, offenen Platz erreichte. Vorn stand eine winzige, leicht erhöhte Holzbühne. Ein einzelner Scheinwerfer beleuchtete einen leeren Stuhl. Keine roten Samtvorhänge, keine Kellner in Uniformen. Es war roh. Echt.
Ich fand einen Platz an der Bar, von dem aus ich die Bühne gut sehen konnte, und bestellte ein Glas Rotwein. Das Licht war so schwach, dass Gesichter zu Silhouetten wurden und Schatten sich in tiefe, unergründliche Flächen verwandelten. Als sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnten, ließ ich den Blick durch die Menge schweifen.
Und dann sah ich ihn. Alejandro. Er saß in der entferntesten Ecke, halb im Schatten verborgen. Er trug ein dunkles Hemd, die Ärmel hochgekrempelt, und hielt ein kleines Glas in der Hand. Er war nicht hier, um gesehen zu werden. Er war hier, um zu beobachten. In dem Moment, in dem ich ihn bemerkte, hob er den Kopf, als hätte er meinen Blick gespürt. Unsere Augen trafen sich über den lauten, vollen Raum hinweg. Er nickte nicht, er lächelte nicht. Er sah mich einfach nur an, mit einem Blick, intensiv und unergründlich.
In diesem Moment betrat ein Gitarrist die Bühne, gefolgt von einem Sänger. Keine Begrüßung. Der Gitarrist setzte sich, seine Finger tanzten über die Saiten und entlockten eine Melodie, die zugleich klagend und fordernd war. Dann begann der Sänger. Seine Stimme war nicht schön im klassischen sie war rau, voller Schmerz und tiefer, ungezähmter Leidenschaft. Das war Cante jondo der tiefe Gesang, der direkt aus der Seele zu kommen schien.
Ich war wie gebannt. Die Musik schlüpfte unter meine Haut, füllte die Leere, die Jonas hinterlassen hatte, und strich über die rohen Nerven meiner eigenen Frustration und Sehnsucht. Ich vergaß die Menge, ich vergaß den Wein. Es gab nur noch die Musik. Nach einigen Minuten wagte ich einen weiteren Blick zu Alejando. Er sah mich immer noch an. Doch jetzt war es anders. Er beobachtete mich nicht einfach er beobachtete meine Reaktion auf die Musik. Als würde er mich studieren, mich entschlüsseln.
Eine Tänzerin betrat die Bühne, ihre Haltung stolz, ihr Gesicht eine Maske der Konzentration. Als die Musik an Tempo gewann, begannen ihre Füße das Holz in einem atemberaubenden Rhythmus zu hämmern, jeder Schlag eine Explosion aus Wut, Freude und Verzweiflung. Eine Gänsehaut breitete sich auf meinen Armen aus. Das hier war keine Darbietung. Das war ein Exorzismus.
Ich hielt Alejandros Blick stand, eine stumme Herausforderung in meinen Augen. Also das meintest du. Hitze, Leidenschaft, Dunkelheit. Sein Blick antwortete eine unsichtbare Strömung, die sich quer durch den Raum spannte und mich festhielt. Die Spannung zwischen uns war etwas Greifbares geworden, dichter als der Rauch in der Luft, pulsierend im Takt des Flamenco.
»Bienvenido. Sie müssen Clara sein?« Die vertraute, spöttische Stimme riss mich aus meiner Trance. Ich drehte mich um. Javier, der Fahrer vom Flughafen, lehnte mit breitem Grinsen an der Bar.»Die Welt ist klein«, sagte ich überrascht und lächelte. »Was machen Sie hier?«»Hier lebt die Musik«, sagte er mit einem Achselzucken. »Und wo die Musik lebt, lebe ich auch. Du scheinst dich zu amüsieren.«
Als das Stück mit einem letzten, dramatischen Akkord endete und die Tänzerin keuchend und schweißgebadet dastand, brach Applaus los. Die Musiker begannen ein neues Stück eine schnellere, fröhlichere Sevillana. Mehrere Paare standen auf und wiegten sich im Rhythmus.
Javier beugte sich zu mir. »Tanzen? Nur zum Spaß.« Mein erster Impuls war, abzulehnen. Doch dann wanderte mein Blick wie von selbst in die dunkle Ecke. Alejandro hatte sich aufgerichtet. Seine Haltung war angespannt, den Kiefer angespannt. Er beobachtete mich und Javier, und in seinen Augen blitzte etwas auf Besitz. Eifersucht.
Ein langsames, gefährlich süßes Prickeln entfaltete sich in mir. Es gefiel mir, dass er zusah. Es gefiel mir, dass es ihm etwas bedeutete.
Ich wandte mich mit einem strahlenden Lächeln zu Javier , das Alejandro nicht entgehen konnte.»Warum nicht?«
Ich ließ mir von Javier die Hand reichen und auf die kleine Tanzfläche führen. Ich war keine ausgebildete Tänzerin, aber Rhythmus lag mir im Blut. Ich ließ mich von der Musik tragen, folgte Javiers sicherer Führung, drehte mich, klatschte im Takt, mein Lachen sprudelte hervor wie der Rhythmus selbst. Aber ich tanzte nicht für Javier, ich tanzte für Alejandro, der im Schatten stand.
Am Höhepunkt einer Drehung sah ich ihn direkt an. Mein Lächeln hatte sich verändert es war nicht mehr unschuldig, sondern wissend, herausfordernd. Er hatte sich nicht bewegt. Er stand da wie eine Figur aus Stein, das Glas in der Hand, der Blick fest auf mich gerichtet, mit der Geduld und Präzision einer Katze, die zum Sprung ansetzt. Die Musik brannte durch die Luft, legte sich um jeden Körper im Raum, doch der wahre Tanz der, der zählte spielte sich nur zwischen ihm und mir ab.
Die Musik endete abrupt, ein letzter Akkord hing in der warmen Luft. Applaus brach los stampfende Füße, Rufe. Javier verbeugte sich leicht, hielt meine Hand einen Moment länger als nötig.
Als ich zu meinem Platz zurückging, spürte ich Alejandros Blick auf mir. Und in diesem Blick lag alles: Missbilligung, Neugier, Hitze.
Mein Herz pochte im Rhythmus des stampfenden Beifalls. Javier nahm meine andere Hand, sein Daumen strich über meine Knöchel.»Du hast Feuer, Clara«, sagte er, seine Stimme tief und beeindruckt. »Ich wusste es.« Ich zog meine Hand sanft zurück, ein flüchtiges Lächeln auf den Lippen, das meine Augen nicht ganz erreichte. »Danke für den Tanz.« Mein Blick suchte sofort die dunkle Ecke, in der Alejandro gestanden hatte. Sie war leer. Der Schatten, der ihn verborgen hatte, war nur noch ein Schatten. Ein unbestimmtes Gefühl der Enttäuschung durchfuhr mich, scharf und unerwartet.
»Ich brauche einen Moment«, sagte ich zu Javier und deutete vage in Richtung des hinteren Teils der Bar.
»Nur kurz frische Luft schnappen.«
Eigentlich wollte ich zur Damentoilette, um mein erhitztes Gesicht mit kaltem Wasser zu benetzen und meine Gedanken zu ordnen.
Als ich aus dem schmalen, schlecht beleuchteten Gang der Toiletten zurückkam, stand Javier da und wartete.
Er lehnte an der Wand, die Arme verschränkt, und versperrte mir praktisch den Weg. Ein Lächeln spielte um seine Lippen, das jetzt weniger charmant und mehr raubtierhaft wirkte.
»Da bist du ja wieder«, sagte er und trat einen Schritt auf mich zu. Die Enge des Ganges fühlte sich plötzlich bedrohlich an.
»Ich habe mir schon Sorgen gemacht. Du hast wirklich für mich getanzt, oder? «
Er legte eine Hand auf meinen Arm. Seine Berührung war nicht mehr leicht und führend wie auf der Tanzfläche, sondern besitzergreifend.
»Was soll das werden, Javier?«, fragte ich, meine Stimme ruhig, aber eisig.
»Wir beide«, sagte er und beugte sich vor, sein Gesicht nur Zentimeter von meinem entfernt. Der Geruch von Wein und Tabak war aufdringlich.
»Ich spüre doch die Verbindung zwischen uns. Du auch.«
Er versuchte, mich zu küssen. Es war keine sanfte Annäherung, sondern ein ungeschicktes, Fordernd. Ich wandte abrupt den Kopf ab, sodass seine Lippen nur meine Wange streiften, und stemmte eine Hand gegen seine Brust, um ihn auf Abstand zu halten.»Nein«, sagte ich, jedes Wort klar und scharf wie ein Glassplitter. »Hör auf.«
Er wich zurück, Verwirrung und verletzter Stolz in seinen Augen.
»Was ist los? Ich dachte wir hatten einen Moment. Der Tanz «
»Der Tanz war ein Tanz«, unterbrach ich ihn, meine Geduld war am Ende. Ich trat einen Schritt zurück, um den Raum zwischen uns wiederherzustellen, den er so selbstverständlich für sich beansprucht hatte.
»Ein Tanz ist keine Einladung, Javier. Und er ist ganz sicher kein Vertrag. Ich habe mit dir getanzt, weil die Musik gut war. Das ist alles. Versteh das bitte.«»Du hast mich angelächelt«, sagte er fast trotzig, als wäre das ein unwiderlegbarer Beweis.»Ja, habe ich. Weil Tanzen Spaß macht. Das bedeutet nicht, dass ich mehr will.«
Meine Stimme war unnachgiebig. Die Lektionen, die ich mit Jonas gelernt hatte über unausgesprochene Erwartungen und das Recht, meine eigenen Grenzen zu ziehen, hallte in mir wider.
»Ich bin nicht interessiert. Akzeptiere das.«
Die Magie des Abends war verflogen, ersetzt durch den faden Geschmack von Ärger. Die leidenschaftliche Musik, die aus dem Hauptraum drang, klang jetzt nur noch wie Lärm. Ich wollte nur noch hier weg. Ich schob mich an ihm vorbei, ohne auf eine Antwort zu warten, und verließ die Enge des Ganges. Im Hauptraum warf ich einen letzten, flüchtigen Blick in die leere Ecke, in der Alejandro gestanden hatte. Er war wirklich weg.
Ich verließ La Carbonería, ohne mich umzudrehen. Die laue Nachtluft fühlte sich gut auf meiner erhitzten Haut an, aber sie konnte die innere Verstimmung nicht vertreiben. Die Heimfahrt im Nachtbus war eine surreale Erfahrung. Die grellen Leuchtstoffröhren tauchten die wenigen Fahrgäste müde Arbeiter und ein paar verliebte Teenager in ein unbarmherziges Licht. Das Rattern des Motors und das Quietschen der Bremsen an jeder Haltestelle waren die Antithese zum leidenschaftlichen Puls des Flamenco. Ich starrte aus dem Fenster auf die vorbeiziehenden Lichter der Stadt, aber ich sah nur die Leere in Alejandros Ecke und spürte das unangenehme Nachklingen von Javiers Anmaßung. Ich war nicht verängstigt, nur unendlich genervt. Genervt von Javier, weil er einfache Freundlichkeit falsch interpretiert hatte. Und, wenn ich ehrlich war, ein wenig genervt von Alejandro, weil er verschwunden war. Und am meisten genervt von mir selbst, weil ich mich auf dieses dumme, stille Spiel überhaupt eingelassen hatte.
Die Balkon-Explosion #
Die schwere Holztür der Wohnung schloss sich hinter mir und die Stille schlug mir entgegen wie eine Wand. Sie war lauter und aufdringlicher als das Rattern des Nachtbusses. Der Ärger über Javier und die nagende Enttäuschung über Alejandros Verschwinden hatten sich zu einem bitteren Knoten in meinem Magen verheddert. Ich warf meine Schlüssel mit einem lauten Klirren auf den Küchentisch, und er schlitterte gegen den Smart-Speaker in dem das blaue Licht von Alma kurz aufleuchtete, ein kleiner Akt der Rebellion gegen die bedrückende Ruhe.
Ich stand gerade im Begriff, ins Bad zu gehen, als ich das leise Klicken des Schlosses hörte. Die Tür öffnete sich erneut. Alejandro trat herein. Er sah müde aus, die Schultern leicht gebeugt, und das dunkle Hemd, das in der Bar so elegant gewirkt hatte, war zerknittert. Unsere Blicke trafen sich quer durch den Raum. Die Luft zwischen uns war dick und zum Zerreißen gespannt.
»Ich habe dich gesehen im La Carbonería. Du warst auf einmal Weg, als so ein Typ handgreiflich wurde«, sagte ich. Es war keine Frage, sondern ein Vorwurf, flach und ohne Emotion.
Er schloss die Tür leise hinter sich. »Ich habe gesehen das du getanzt hastt«, antwortete er, seine Stimme ebenso rau.
»Dich hat jemand bedrängt?«
Ich schnaubte, eine Mischung aus Verbitterung und Ironie. »Oh, ich habe das geregelt. Keine Sorge.« Ich ging zur Küche, goss mir ein Glas Wasser ein, nur um etwas mit meinen Händen zu tun. »Ich habe ihm erklärt, was eine Grenze ist. Ich habe ihm gesagt, dass ein Tanz nur ein Tanz ist und kein verdammter Anspruch auf mehr.« Meine Stimme zitterte leicht, als der Ärger wieder hochkochte. »Es ist immer dasselbe.«
Dieses letzte Murmeln hing in der Luft. Alejandro bewegte sich nicht, beobachtete mich nur mit diesem intensiven, unergründlichen Blick. Plötzlich brach die sorgfältig errichtete Mauer um mich herum zusammen. Es ging nicht nur um Javier. Es ging um alles.
»Mein Exfreund ist vor einer Woche ausgezogen«, platzte es aus mir heraus, die Worte stürzten unkontrolliert hervor. Das Wasserglas zitterte in meiner Hand. »Er wollte, dass ich Sicherheit' finde, einen erwachsenen' Job. Er wollte mich zu etwas formen, das ich nicht bin. Und dann komme ich hierher, um « Ich lachte humorlos. »Um zu atmen. Und der erste Kerl, mit dem ich tanze, denkt, er hätte das Recht, mich zu küssen, nur weil ich gelächelt habe. Offenbar habe ich einfach kein Glück mit Männern. Entweder wollen sie mich kontrollieren oder sie halten mich für eine Fantasie, die sie besitzen können.«
Die Worte hingen zwischen uns. Ich konnte fühlen, wie die Tränen in meinen Augen brannten, heiß und verräterisch. Ich wollte nicht vor ihm weinen. Nicht vor diesem Mann, der selbst ein einziges Rätsel war. Mit einer schnellen, ruckartigen Bewegung stellte ich das Glas ab und floh auf den Balkon, als ob die kühle Nachtluft die Hitze aus meinem Gesicht und die aufsteigende Panik aus meiner Brust vertreiben könnte.
Ich umklammerte das kühle Metallgeländer und starrte hinaus in die Nacht. Die Lichter von Málaga funkelten unter mir wie ein Teppich aus verstreuten Sternen. Ein leiser Duft von Jasmin stieg aus dem Innenhof auf. Ein paar Sekunden später hörte ich die Schiebetür hinter mir aufgehen und wieder zufallen. Er war mir gefolgt.
Er sagte nichts, trat nur neben mich an das Geländer. Die Stille war anders als die in der Wohnung. Sie war nicht leer, sondern gefüllt mit all den unausgesprochenen Dingen seit unserer ersten Begegnung.
»Er war ein Idiot«, sagte Alejandro schließlich, seine Stimme war tief und ruhig neben mir. »Beide waren Idioten.«
Eine einzelne Träne entkam und rollte langsam über meine Wange. Bevor ich sie wegwischen konnte, hob er die Hand. Seine Bewegung war langsam, zögerlich. Mit der rauen Haut seines Daumens strich er die Träne sanft von meiner Haut. Die Berührung war elektrisierend, eine kleine Explosion auf meiner Haut, die einen Schauer durch meinen ganzen Körper sandte.
Ich drehte meinen Kopf und sah ihn an. Der Mond tauchte seine Züge in Silber und Schatten, machte die Linien seines Gesichts schärfer, seine Augen dunkler. Die ganze Anspannung des Abends, der letzten Woche, der letzten Jahre, schien sich in diesem einen Moment auf diesem Balkon zu konzentrieren.
»Du bist keine Fantasie, Clara«, flüsterte er, und seine Hand wanderte von meiner Wange zu meinem Nacken, seine Finger vergruben sich sanft in meinem Haar.
Und dann war da keine Distanz mehr zwischen uns. Seine Lippen trafen meine in einem ungestümen, verzweifelten Kuss. Es war kein sanftes Erkunden, sondern ein Zusammenprall, eine Entladung. Es war der Geschmack von Rotwein und salzigen Tränen, die Hitze seines Mundes und die Kühle der Nachtluft. Es war der Ausdruck jeder unausgesprochenen Frage, jeder stummen Herausforderung, jedes gestohlenen Blicks. Es war die Leidenschaft des Flamenco und die Einsamkeit der Nacht, alles in einem einzigen, verzehrenden Moment vereint. Meine Hände fanden den Stoff seines Hemdes, krallten sich fest, zogen ihn näher..
Der Kuss brach so plötzlich ab, wie er begonnen hatte. Wir standen da, keuchend, die Stirnen aneinandergelehnt, unser Atem vermischte sich in der kühlen Luft. Seine Augen brannten sich in meine, und in ihrer Tiefe sah ich nicht mehr den zynischen Programmierer, sondern einen Mann, der genauso verloren und hungrig war wie ich.
Er schwieg. Worte hätten den Moment nur zerstört. Seine Hand löste sich aus meinem Haar, glitt meinen Arm hinunter und ergriff meine. Seine Berührung war fest und sicher. Langsam, ohne den Blick von mir abzuwenden, zog er mich mit sich, weg vom Geländer, weg von den funkelnden Lichtern der Stadt, zurück durch die offene Balkontür in das gedämpfte Licht der Wohnung. Er führte mich durch das Wohnzimmer, vorbei an dem stummen blauen Licht von Alma in der Küche, in Richtung der unausgesprochenen Verheißung hinter der Schlafzimmertür..
Der Morgen danach #
Das Erste, was ich spürte, als ich langsam aus den Tiefen des Schlafs auftauchte, war Wärme. Eine sanfte, schwere Wärme, die nicht nur von den Sonnenstrahlen kam, die durch die Lamellen der Jalousien fielen, sondern von innen. Zum ersten Mal seit Monaten, vielleicht seit Jahren, fühlte sich mein Körper nicht wie eine angespannte Feder an, sondern weich, entspannt, nachgiebig. Ich lag auf der Seite, eingekuschelt in die weichen Laken, die noch immer den schwachen Duft seiner Haut trugen eine Mischung aus Seife, Kaffee und etwas einzigartig Männlichem, das nur Alejandro war.
Ich döste in diesem schwebenden Zustand zwischen Traum und Wirklichkeit, ein leises Lächeln auf den Lippen. Die Erinnerungen an die vergangene Nacht waren keine scharfen, fiebrigen Bilder mehr, sondern ein sanftes Glühen, ein Gefühl von Haut auf Haut, von geflüsterten Worten im Dunkeln, von einer Verzweiflung, die sich in eine unerwartete, rohe Zärtlichkeit verwandelt hatte. Es hatte sich echt angefühlt. Erschreckend echt.
Ein leises Geräusch riss mich aus meinem Dämmerzustand. Ein Klappern von Schlüsseln, gefolgt vom leisen Knarren der Wohnungstür. Ich blinzelte und versuchte, meine schläfrigen Augen zu fokussieren. Die Schlafzimmertür öffnete sich einen Spaltbreit. Alejandro steckte den Kopf herein. Er war bereits angezogen, trug ein frisches T-Shirt und Jeans, sein Haar war noch feucht vom Duschen. Ein Schatten von Bart lag auf seinem Kiefer, und seine Augen, als sie meine trafen, waren weich, frei von der zynischen Härte, die sie sonst oft trugen.
»Morgen«, flüsterte er, ein kleines Lächeln spielte um seine Lippen. »Ich wollte dich nicht wecken. Ich geh nur kurz runter, ein paar Barras de Pan holen.«
»Mmm«, murmelte ich, zu wohlig und schläfrig, um mehr als das hervorzubringen. Ich zog die Decke fester um mich und lächelte ihn an. Ein gemeinsames Frühstück. Der Gedanke war so einfach, so normal, und doch fühlte er sich revolutionär an. Er nickte, als hätte er meine verschlafenen Worte genau verstanden, und schloss die Tür wieder leise. Ich hörte seine Schritte im Flur und das Klicken der Haustür. Dann Stille. Sicher und friedlich. Ich ließ den Kopf zurück auf das Kissen sinken und glitt sofort wieder in einen tiefen, traumlosen Schlaf.
Als ich das nächste Mal die Augen öffnete, hatte sich das Licht verändert. Es war nicht mehr das helle, klare Licht des Morgens, sondern ein warmer, goldener Glanz, der tief stand und lange Schatten in den Raum warf. Ein Blick auf mein Handy verriet mir mit einem Schock, dass es bereits nach vier Uhr am Nachmittag war.
Ich setzte mich auf, die Decke rutschte von meinen nackten Schultern. Die andere Seite des Bettes war leer. Kalt. Die Stille in der Wohnung war nicht mehr friedlich, sondern hohl.»Alejandro?«, rief ich, meine Stimme klang rau vom Schlaf.Keine Antwort. Nur das leise Summen des Kühlschranks aus der Küche.
Ein erster, leiser Anflug von Unruhe machte sich in mir breit. Ich stand auf, zog mir eines seiner T-Shirts über, das auf einem Stuhl lag, und ging ins Wohnzimmer. Alles war ordentlich. Auf dem Küchentisch stand kein frisches Brot. Keine Anzeichen eines Frühstücks, das auf mich wartete. Seine Laptoptasche war weg. Sein Schlüssel lag nicht auf der kleinen Schale neben der Tür.
Ich zog mich hastig an, meine eigenen Kleider lagen achtlos auf dem Boden. Mein Herz begann, einen unregelmäßigen, schnelleren Rhythmus zu schlagen. Er ist Brot holen gegangen. Vielleicht war die Bäckerei um die Ecke zu. Vielleicht musste er weiter weg. Das war die logische Erklärung. Das war die einzige Erklärung, an die ich mich verzweifelt festhielt.
Ich verließ die Wohnung, die Hitze des späten Nachmittags schlug mir wie eine physische Kraft entgegen. Die Straßen, die morgens und abends vor Leben summten, waren still und fast menschenleer. Es war die heiligste Zeit des Tages in Málaga: die Siesta. Ich ging zur kleinen Bäckerei an der Ecke, von der ich wusste, dass sie existierte. Der metallene Rollladen war heruntergelassen, fest verschlossen. Ich ging weiter, bog in die nächste Straße ein, dann in die übernächste, mein Tempo wurde immer schneller. Eine andere Bäckerei, ein kleines Lebensmittelgeschäft alle hatten ihre Fassaden mit heruntergelassenen Gittern versiegelt, als hätte die ganze Stadt die Augen geschlossen, um mich mit meiner aufkeimenden Panik allein zu lassen.
Ich blieb mitten auf dem leeren Gehweg stehen, die Sonne brannte auf meinen Kopf. Die logischen Erklärungen fielen eine nach der anderen in sich zusammen. Wie lange konnte es dauern, Brot zu kaufen? Selbst wenn er in ein anderes Viertel hätte fahren müssen, die Siesta dauerte nicht ewig. Er wäre zurückgekommen. Er hätte eine Nachricht hinterlassen. Er hätte angerufen.
Die Luft schien mir im Hals stecken zu bleiben. Der Duft von Jasmin, der mir am Abend zuvor so romantisch erschienen war, roch jetzt süßlich und erstickend. Ich sah auf die geschlossenen Läden, die leeren Straßen, die schlafende Stadt. Und in dieser erdrückenden Stille kroch der langsame, dämmernde Schrecken in mir hoch. Der Schrecken, dass die Weichheit des Morgens eine Lüge gewesen war. Der Schrecken, dass er die erste Gelegenheit genutzt hatte, um zu fliehen. Der Schrecken, dass er nicht zurückkommen würde.
Das AI Rätzel #
Die Koffer standen da, direkt neben der Tür, wie stumme, überfüllte Zeugen meines kläglichen Scheiterns. Zwei Tage waren vergangen, zwei Ewigkeiten der Stille, die lauter war als jeder Schrei. Die anfängliche Verwirrung hatte sich in einen brennenden Schmerz verwandelt, der sich dann in eisige Wut verkehrt hatte. Herzschmerz. Ja, das war es, das Gefühl, als hätte jemand mein Innerstes mit einer kalten Hand gepackt und zerquetscht. Aber noch schlimmer war die Wut auf mich selbst. Ich fühlte mich wie ein absoluter Narr. Eine dumme Touristin, die auf ein paar süsse Worte hereingefallen war, eine weitere Kerbe im Bettpfosten eines charmanten Einheimischen. Es war das Lehrbuchbeispiel für ein Urlaubsflirt-Ghosting, und ich war diejenige, die die Rechnung dafür bezahlte.
Meine Hände zitterten, als ich die letzte Jeans in den viel zu vollen Koffer stopfte. Ich wollte nur noch weg. Raus aus diesem Apartment, raus aus dieser Stadt, raus aus dieser verdammten Blase, die er so mühelos um mich herum geschaffen hatte. Die Gedanken kreisten wie hungrige Haie. Jedes Lächeln, jedes Versprechen, jeder Blick alles eine Lüge. Er hatte mich geködert, mich geschnappt und dann einfach wieder ins Meer geworfen. Ich war nicht einmal eine Erinnerung wert.
In einem Anflug von kindischer, aber befriedigender Frustration wandte ich mich der einzigen Konstante in diesem Chaos zu: dem kleinen, eleganten Lautsprecher auf der Küchentheke. Alma, mein einziger Gesprächspartner der letzten 48 Stunden. Ihr sanft pulsierendes blaues Licht war das einzige Zeichen von Leben in diesem Raum, das nicht ich selbst war.
»Alma«, sagte ich, meine Stimme war rau und abgenutzt von den Gedanken, die ich nicht aussprechen konnte. Sag dem Besitzer Ich hielt inne, suchte nach dem passenden Wort. Beleidigung? Rache? Genugtuung? Sag ihm, er ist ein Arschloch. Es war nicht originell, aber es fühlte sich richtig an. Kurz und bündig. Ein Stich.
Eine winzige Pause. Das blaue Licht pulsierte ungerührt weiter, als würde es über meine kindische Wut nachdenken. Ich spürte, wie meine Schultern sich anspannten. Würde sie es tun? Würde diese perfekte, unpersönliche Stimme meine schmutzige Botschaft übermitteln?
»Nachricht nicht gesendet«, sagte Alma schliesslich. Ihre Stimme war wie immer, klar und emotionslos. Manchmal haben die treuesten Boten Schnurrhaare.
Ich starrte den Lautsprecher an. Mein Mund fiel leicht offen. Was zum Teufel war das denn? Eine kaputte Programmierung? Eine kryptische Fehlermeldung? Ich schüttelte den Kopf, ein kurzes, scharfes Geräusch in meinen Ohren. Selbst die KI verhöhnte mich. Treue Boten? Schnurrhaare? Es war lächerlich. Ich wollte das Ding packen und es aus dem Fenster werfen, nur um zu sehen, wie es zerschellte.
Aber der Satz blieb hängen, wie ein hartnäckiger Ohrwurm. Treueste Boten. Schnurrhaare. Mein Verstand, der eben noch so von Wut und Selbstmitleid erfüllt war, begann sich zu drehen, eine unerwartete Zahnradverschiebung. Es war keine logische Kette, eher ein Flackern, ein schwacher Funke in der Dunkelheit meiner Frustration. Schnurrhaare. Das Bild war sofort da. Gross und orange. Eine Katze. Seine Katze. Der träge, majestätische Kater, der sich auf der sonnigen Terrasse geräkelt hatte, immer unbeeindruckt, immer an seiner Seite. Wie hatte er ihn genannt? Der Name war seltsam gewesen, zu königlich für ein Haustier, aber passend für dieses Tier.
León.
Das Wort traf mich wie ein Schlag, hart und unerwartet. León. Der Löwe. Die Katze. Eine Welle von kalter Erkenntnis durchzog mich, so scharf, dass es mir die Luft abschnitt. Die Katze. War das der Bote? Musste ich die Katze finden? War ein Zettel an seinem Halsband? Das war doch zu dumm. Zu kindisch. Aber diese KI sprach in Rätseln, und ich hatte nichts anderes.
Meine Tasche, die ich gerade noch gehalten hatte, fiel mit einem dumpfen Plumps auf den Holzboden. Eine Sekunde lang spürte ich nichts als die dringende Notwendigkeit, diesem seltsamen Impuls zu folgen. Ich rannte zum Fenster, das auf den Innenhof blickte, meine Augen suchten verzweifelt den sonnigen Fleck unter dem kleinen Zitronenbaum, wo León oft geschlafen hatte. Nichts. Der Platz war leer. Die Sonne fiel kalt auf die leeren Steinfliesen, ein Spiegelbild meiner eigenen Leere.
Ich riss die Terrassentür auf. Das Holz quietschte protestierend. Der Wind strich kalt über mein Gesicht. »León?«, rief ich, meine Stimme war nur ein dünner, panischer Faden in der Stille des Hofes. Nur das leise Rascheln der Blätter antwortete mir. Keine Katze. Keinen Hinweis. Ich durchkämmte den kleinen Garten, unter Büschen, hinter Töpfen. Nichts. Er war weg. Frustration kochte wieder hoch, heisser und bitterer als zuvor. Ich fluchte leise, meine Hände ballten sich zu Fäusten.
Ich kehrte ins Apartment zurück. Die Tür schloss mit einem endgültigen Klicken hinter mir. Ich war wieder allein. Wieder gefangen in dieser Leere. Der Traum war vorbei, und die Realität stach. Ich musste hier raus.
Ich starrte wieder auf den Alma-Lautsprecher. Das blaue Licht pulsierte ruhig. Eine absurde Geduld. Der Hinweis. Treueste Boten. Schnurrhaare. Es war nicht die Katze. Es konnte nicht die Katze sein. Die Katze war nur das Bild. Aber sein Name. León.
Mein Atem stockte. Eine plötzliche, scharfe Einsicht blitzte durch mein Gehirn, hell wie ein Blitz. Es war nicht die physische Katze. Es war der Name. León. Ein Schlüssel. Ein Passwort. Die KI hatte es mir gesagt. Manchmal haben die treuesten Boten Schnurrhaare. Der Name des Boten war der Schlüssel. Es war ein Code. Ein Trick.
Ich trat näher an den Lautsprecher heran, mein Herz schlug jetzt schnell und unregelmässig gegen meine Rippen. Meine Stimme war jetzt klar, überraschend ruhig, frei von der Wut oder dem Schmerz, die mich eben noch beherrscht hatten. Jeder Buchstabe war präzise, sorgfältig artikuliert, als würde ich einen Zauberspruch sprechen.
Alma. Passwort: León.
Das blaue Licht flackerte. Für einen Moment dachte ich, es würde nichts passieren. Dann, zu meiner Überraschung, wechselte es zu einem satten, tiefen Grün. Ein leises, aber deutliches Klicken war im Inneren des Geräts zu hören, wie ein winziges Zahnrad, das sich in eine neue Position drehte. Ein neues Protokoll. Etwas war freigeschaltet worden. Ich spürte, wie sich ein Knoten in meiner Brust löste.
»Passwort akzeptiert«, sagte Alma. Ihre Stimme klang genau gleich, mechanisch und unpersönlich, aber die Worte trugen ein Gewicht, das sie vorher nicht gehabt hatten. Eine Verheissung. Nachricht freigeschaltet.
Poetisches Puzzle #
»Passwort akzeptiert«, sagte Alma, ihre Stimme noch immer ungerührt, aber jetzt mit einer seltsamen Finalität. Nachricht freigeschaltet. Mein Atem stockte. Eine Welle von Erwartung und gleichzeitig tiefer Furcht überrollte mich. Was würde ich hören? Eine weitere Lüge? Eine billige Ausrede? Mein Herz pochte wie wild gegen meine Rippen.
Dann spielte die KI eine Nachricht ab.
Seine Stimme. Alejandro. Sie klang nicht wie die, die ich kannte. Nicht der charmante, sichere Mann, der mich durch die Gassen Málagas geführt hatte. Sie war rau und zerrissen, als wäre er durch eine Schleifmaschine gegangen. Die Leichtigkeit war verschwunden, ersetzt durch etwas Dunkles, Verzweifeltes.
»Clara«, sagte er, und das Wort war kaum mehr als ein Flüstern, voller Reue. Es tut mir so leid. Eine Pause, gefüllt mit einem Geräusch, das wie ein unterdrückter Schluchzer klang, oder war es nur ein tiefes Einatmen? Meine Ohren waren gespitzt, suchten nach jedem Detail, nach jedem Zeichen von Falschheit. Ich habe dich nicht geghostet. Das sagte er. Nicht geghostet. Meine Augen brannten. Die Wut war immer noch da, aber sie mischte sich mit einer verwirrenden Spur von etwas anderem. Erklärte er sich?
Ich ich bin geflüchtet. Die Worte waren stockend, schwer. Ich habe alles vermasselt. Die Firma, mein Projekt es ist alles schiefgegangen. Alles. Sie werden mich als kriminellen Hacker darstellen, Clara. Seine Stimme wurde lauter, schneidend, erfüllt von bitterer Resignation. Und vielleicht bin ich es auch. Eine weitere Pause. Ich hielt den Atem an. Jeder Nerv in meinem Körper war angespannt. Was war passiert? Was meinte er mit alles ist schiefgegangen?
»Wenn du mich finden wissen willst«, fuhr er fort, jetzt wieder leiser, fast flehend, dann such mich nicht in den Nachrichten. Such das wahre Ich. Fang dort an, wo der Fluss das Meer trifft.
Dann Stille. Nur Almas leises Pulsieren. Ich stand da, gefroren, meine Gedanken rasten. Die Nachrichten? Häcker? Was zum Teufel hatte er getan? Mein Verstand kämpfte mit den neuen Informationen. Die Wut auf das Ghosting war plötzlich so klein, so irrelevant. Etwas viel Grösseres war passiert. Etwas, das ihn dazu gebracht hatte, zu verschwinden, aber nicht aus den Gründen, die ich angenommen hatte. Er hatte war in Gefahr. Er brauchte Hilfe. Vielleicht. Oder war das nur eine weitere Manipulation? Ich traute ihm nicht hundertprozentig. Ich traute mir nicht. Aber seine Stimme... sie klang so echt und verzweifelt.
Wo der Fluss das Meer trifft. Das war es. Ein Gedicht? Eine Metapher? Mein künstlerisches Herz, das ich so oft in den Hintergrund gedrängt hatte, um vernünftig zu sein, schlug plötzlich schneller. Es war nicht einfach nur eine Wegbeschreibung. Es war ein Puzzle. Eine poetische Anspielung. Seine Art, mich zu rufen. Er wusste, dass ich so denken würde. Er kannte mich. Oder zumindest dachte ich, er kannte mich.
Ich zog mein Handy hervor, die Finger zitterten leicht. Google Maps. Wo der Fluss das Meer trifft. Nein, das war zu allgemein. Ich tippte die Worte langsam ein, mein Verstand arbeitete auf Hochtouren. Es musste ein Name sein. Ein Ort, der diesen Namen trug. Etwas, das mit Kunst oder Poesie zu tun hatte, etwas, das wir vielleicht besprochen hatten, ohne es wirklich zu merken.
Eine schnelle Suche. Und da war es. Ein Ergebnis. Ein alter, geliebter Buchladen in Málaga. El Río y El Mar. Der Fluss und das Meer. Mein Herz setzte einen Schlag aus.
Der Buchladen #
Die Entscheidung war gefallen. Ein Klick auf dem Bildschirm meines Handys, ein Summen der Bestätigung und schon war der Elektroroller vor der Tür meines Apartments für mich reserviert. Keine Zeit für Taxis, keine Zeit für Busse. Ich brauchte Geschwindigkeit. Ich brauchte die Luft auf meiner Haut, um die Wut und die Verwirrung, die mich erstickten, wegzufegen.
Ich verließ das Apartment, ließ die Koffer und das Echo seiner Stimme hinter mir. Draußen wartete der Roller, ein schlankes, urbanes Tier aus Metall und Gummi. Ein leichter Sprung, meine Füße fanden intuitiv den richtigen Stand, und mit einem fast geräuschlosen Summen setzte sich das Gefährt in Bewegung. Die Stadt erwachte um mich herum, aber ich war schon mittendrin, Teil ihres pulsierenden Rhythmus.
Málaga entfaltete sich vor mir wie ein Gemälde aus Licht und Schatten, das in den letzten Tagen so stumm vor meiner emotionalen Taubheit gelegen hatte. Die morgendliche Sonne warf lange, scharfe Palmenschatten auf den warmen Asphalt tanzende Muster, die unter meinen Rädern verschwanden. Der Wind zerrte sanft an meinen Haaren, kühl und erfrischend auf meiner Haut, die sich nach den angespannten Stunden langsam zu entspannen begann.
Links von mir dehnte sich das tiefe, unendliche Blau des Mittelmeers aus, so rein, dass es mit dem Himmel zu verschmelzen schien. Ein Horizont ohne Grenzen, so wie meine Gedanken jetzt flogen. Das goldene Band des Strandes glitzerte verlockend, gesäumt von den ersten Sonnenanbetern, winzige Punkte im weiten Sand. Die Luft war erfüllt vom salzigen Geruch des Meeres, vermischt mit dem süßlichen Duft blühenden Jasmins, der aus versteckten Innenhöfen herüber wehte.
Ich schoss vorbei an den weiß getünchten Fassaden alter Gebäude, deren blaue Dächer unter der Sonne leuchteten, an schmiedeeisernen Balkonen, die vor bunten Blumenkästen überquollen. Die orangefarbenen Markisen der Cafés flatterten leicht im Wind, und der ferne Klang von klirrendem Geschirr und gemurmelten Gesprächen mischte sich mit dem leisen Summen meines Rollers. Kinderstimmen, noch schläfrig und hoch, drangen aus offenen Fenstern.
Jede Gasse, jeder Winkel, an dem ich vorbeifuhr, war ein Stichwort, eine Erinnerung an die Leichtigkeit, die ich hier gefunden hatte, bevor alles zerbrach. Aber die Geschwindigkeit, das Vorbeifliegen der Farben und Gerüche, drückte diese Erinnerungen zurück, machte Platz für das Hier und Jetzt, für die Dringlichkeit meiner Mission. Ich war nicht mehr die Verlassene, die Trauernde. Ich war die Jägerin.
Das leise Summen meines Elektrorollers war das einzige Geräusch, das ich wirklich wahrnahm. Es war wie eine Melodie, die mich durch die Stadt trug, mich in ihren Fluss eingliederte. Ich bog um eine Ecke und da war sie. Unauffällig und doch prominent.
El Río y El Mar. Der Buchladen.
Ich trat ein. Der Geruch von altem Papier erfüllte die Luft. Die Regale waren hoch, gestopft mit Büchern aller Art. Mein Blick wanderte, verloren und überwältigt. Tausende von Geschichten, und ich suchte eine, die nicht gedruckt war. Wie sollte er hier einen Hinweis hinterlassen? Es musste etwas Besonderes sein. Etwas, das er für mich hinterlassen hätte.
Mein Blick fiel auf einen Rücken, der sich von den anderen abhob. Nicht durch Farbe, nicht durch Grösse. Sondern durch seinen Titel: Der Echte Málaga Flamenco. Ein Buch, das wir nie gelesen, aber über das wir oft gesprochen hatten. Er liebte die rohe Leidenschaft des Flamenco, und ich hatte ihm versprochen, ihn zu einem authentischen Auftritt zu begleiten. Ein Versprechen, das jetzt wie Asche schmeckte. Trotzdem griff ich danach, zog es vorsichtig aus dem Regal.
Es war schwer, ein Bildband mit dicken Seiten. Ich blätterte durch, meine Finger glitten über Hochglanzfotos von tanzenden Körpern und leidenschaftlichen Gesichtern. Ich erwartete nichts. Und dann, auf einer der letzten Seiten, zwischen Fotos einer tanzenden Frau mit flatterndem roten Kleid und einem Gitarristen, sah ich es.
Nicht gedruckt. Handschriftlich, in seiner eleganten, schwungvollen Schrift, die ich so gut kannte. Mit Bleistift, fast unauffällig, als wollte er es verstecken, aber nicht zu sehr.
Du bist keine Fantasie.
Mein Herz setzte einen Schlag aus. Diese Worte, gesprochen in einer Nacht, als die Sterne über der Stadt funkelten und er meine Hand hielt. Er hatte es gesagt, um meine Zweifel zu zerstreuen, meine Angst, dass all das zu schön war, um wahr zu sein. Du bist keine Fantasie. Meine Augen suchten weiter. Unter dem Satz, leicht versetzt, war ein weiteres handschriftliches kurzes Gedicht, es war sehr kurz, zu stichpunktartig.
Ich las die ersten Buchstaben jeder Zeile. Mein Atem stockte.
Alte Mauern steigen. Lichter der Stadt tanzen. Citadelle blickt herab. Anmut vergangener Zeit. Zeitlose Schönheit dort. All unsere Schritte. Beide dort gewesen. Auf den Wegen.
ALCAZABA.
Es war da. So klar. So unmissverständlich. Die Alcazaba. Die alte Festung über der Stadt.
Das war der nächste Schritt. Die Alcazaba. Die Wahrheit war näher. Ich schloss das Buch vorsichtig und presste es an meine Brust.
Kapitel 11: Die Belagerung der Alcazaba #
Der Kalkstein der Alcazaba strahlte Hitze ab wie ein Hochofen. Mein Rollermotor tickte, kühlte im Schatten der Festung aus. Schweiß brannte in meinen Augen. Ich umklammerte die Griffe meiner Tasche. Ein schwarzer Bus kam zehn Meter entfernt kreischend zum Stehen. Zwei Männer sprangen heraus. Sie trugen OP-Masken und dunkle Hoodies trotz der sengenden Mittagssonne.
»Gib mir die Tasche!«, herrschte mich der Größere an.
Er stürzte vor. Ich schwang meinen Helm. Er krachte gegen seine Rippen. Der zweite Mann packte meine Kehle. Der Geruch nach abgestandenem Tabak und billigem Schweiß füllte meine Lungen. Er drückte zu. Ich krallte meine Nägel in seine Handgelenke, aber sein Griff blieb eisern.
Ein Schuss peitschte durch die feuchte Luft.
Der Druck auf meine Luftröhre verschwand. Beide Männer stolperten zurück zu ihrem Fahrzeug. Reifen kreischten auf dem Asphalt, als der Bus davonraste. Ich sackte gegen einen Steinpfeiler und schnappte nach Luft. Ein Schatten fiel auf mich. Ich blickte auf in die kalten Augen von Ruiz. Er steckte eine Pistole weg und wischte sich Schweiß von der Stirn.
Er zog mich hoch. Ich stieß mich an der Mauer ab.
»Sie haben ihn entführt und jetzt wollen sie mich auch.«
»Tranquillo, Señora, beruhigen Sie sich. Mein Name ist Ruiz. Inspektor Ruiz. Wer wurde entführt, und wie ist Ihr Name?«
»Mein Name ist Clara. Alejandro wurde entführt. Mein Freund oder mein... mein Vermieter. Es ist kompliziert.«
»Die ersten vierundzwanzig Stunden sind immer entscheidend, Clara«, brummte er. »Danach wird es schwieriger, ihn aufzuspüren.«
»Helfen Sie mir«, schnaufte ich. »Ich schaffe das nicht allein. Alejandro versteckt sich. Er hat mir Hinweise hinterlassen.«
Wir drangen in die Festung vor. Das römische Mauerwerk fühlte sich rau unter meinen Handflächen an. Plötzlich vibrierte mein iPhone in der Tasche. Ein rhythmischer, hartnäckiger Puls.
Ein AirTag in der Nähe, meldete das Display.
Ich folgte dem Signal bis zu einer tiefen Mauernische hinter einem Hufeisenbogen. Dort, mit einem Kaugummi an die Unterseite eines Vorsprungs geklebt, klebte die kleine weiße Scheibe. Sobald ich sie berührte, ploppte eine Benachrichtigung auf. Keine Nachricht, nur ein Link zu Google Maps. Ein einsamer roter Pin auf einer grünen Fläche direkt an der Küste.
»Er hat den AirTag als Beacon benutzt«, flüsterte ich. »Hier. Das sind die Koordinaten. Er ist auf dem Englischen Friedhof.«
»Der Friedhof der Ketzer«, murmelte Ruiz. Er wirkte nicht überrascht.
Er verschwendete keine Zeit. Er packte meinen Arm und wir gingen schnellen Schrittes die Alcazaba hinunter zu seiner geparkten Limousine.
»Wir müssen uns beeilen. Die Sonne geht bald unter«, sagte Ruiz.
Der Innenraum roch nach Leder. Die Klimaanlage sprang an. Angenehme Kühle strömte mir aus den Ventilen entgegen. Ruiz legte den Gang ein. Wir rasten durch die engen Gassen von Málaga; das Meer ein glitzerndes Türkis zu unserer Rechten, während die Sonne langsam hinter den Horizont sank.
Kapitel 12: Der Friedhof #
Wir kamen an den rostigen Eisengittern des Friedhofs ruckartig zum Stehen. Das Tor quietschte in den Angeln. Die Abendkühle stand zwischen den Grabsteinen, schwer und unbeweglich. Es roch nach vertrockneten Piniennadeln und altem Staub. Ruiz ging voran. Seine Hand ruhte locker am Gürtel. Ich folgte ihm. Meine Schritte klangen hohl auf dem ausgedörrten Boden.
Über uns kreiste eine Fledermaus. Der Himmel war zu dunkel, um Konturen zu erkennen. Wir passierten Reihen von Engeln aus Marmor. Ihre Gesichter waren vom Salzwind zerfressen. In einer Senke, beschattet von einer riesigen Zypresse, blieb Ruiz stehen.
»Alejandro?«, rief ich in die Dunkelheit.
»Clara. Du hättest nicht kommen dürfen.« Alejandro trat aus einer kleinen Kapelle in den Schein einer einzelnen Kerze. Das flackernde Licht warf tiefe Schatten in sein Gesicht. Seine Stimme klang brüchig. »Sie jagen mich.«
»Was machst du hier?«, fragte ich. »Wer ist hinter dir her?«
»Als ich das Frühstück holen wollte, hielt ein schwarzer Bus. Zwei Männer sprangen heraus. Sie wollten mich entführen, aber ich konnte entkommen.« Er trat näher, die Augen gehetzt. »Die Regierung, die Firma, der Präsident – ich weiß es nicht. Der Friedhof ist sicher. Keine Kameras. Alma hat dein Handy getrackt und mir gesagt, dass du in der Nähe bist. Da bin ich hergeeilt.«
Ich wollte einen Schritt auf ihn zumachen. Ihn berühren. Ihn spüren. Doch Ruiz bewegte sich schneller. Er trat zwischen uns. Das trockene Metallgeräusch beim Durchladen einer Waffe zerriss die Ruhe. Ruiz hielt die Glock nicht mehr gesenkt. Der Lauf zeigte direkt auf Alejandros Herz.
»Ruiz? Was tun Sie da?«, schrie ich. Mein Herz hämmerte gegen meine Rippen wie ein gefangener Vogel.
»Die Geschichte mit dem Polizisten war eine notwendige Lüge, Clara«, sagte Ruiz. Sein Gesicht war jetzt eine leblose Maske aus Stein. »Ich bin kein Guardia Civil. Man bezahlt mich dafür, dass er heute hier stirbt. Und es wird wie ein perfekter Selbstmord aussehen. Erst hat er dich umgebracht und anschliessend sich erschossen. So wird es in den Akten stehen. Der depressive Programmierer, der seine Freundin tötet und dann sich selbst.«
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