Title: Überleben der Heftromane '
- Deutschland: Der ewige Kiosk
- Spanien: Die Ära des „Bolsilibro“
- Frankreich: Von „Feuilletons“ zu High Fantasy
- USA: Die Geburtsstätte des „Pulp“
- Zusammenfassung: Wo findet man heute die „Seele“ des Pulps?
- Die Anatomie des Heftes
- Spanien: Das Bolsilibro
- USA: Die klassischen Pulps
- Frankreich: Fleuve Noir & Anticipation
- Vergleich der „Pulp-Geschwindigkeit“
- Mehr zu Pulp
Wenn man heute einen deutschen Bahnhof betritt, kann man für ein paar Euro immer noch ein brandneues Abenteuer eines Geisterjägers oder eines Weltraumreisenden kaufen. Auf einen Amerikaner oder einen Franzosen wirkt das wie eine Zeitmaschine. Während die Ära der „Pulp-Fiction“ als globale Bewegung begann, schlug jedes Land auf dem Weg ins 21. Jahrhundert eine andere Richtung ein.
Deutschland: Der ewige Kiosk #
Deutschland ist der unangefochtene Champion des modernen „Groschenromans“. Während andere Länder diese Geschichten in dicke Taschenbücher oder digitale Archive verbannten, blieb der deutsche Heftroman genau dort, wo er anfing: am Kiosk.
Die Vergangenheit: Das Nachkriegsdeutschland hungerte nach Eskapismus. Serien wie Jerry Cotton (FBI-Geschichten) wurden so populär, dass sie wöchentlich Millionen von Exemplaren verkauften. 1961 wurde Perry Rhodan als kurze „Space Opera“-Serie gestartet; sie sollte ursprünglich nur 30 Ausgaben umfassen, doch sie hörte nie auf.
Die Gegenwart: Deutschland ist der einzige Ort, an dem die „Wochenserie“ noch eine Massenmarkt-Realität ist. Man sieht sie in Tabakläden und an Kiosken – diese „Kioskkultur“ ist das Lebenselixier des Genres. Heute halten Verlage wie Bastei Lübbe und Pabel-Moewig Legenden wie John Sinclair und Perry Rhodan am Leben und expandieren über den Kiosk hinaus in spezialisierte E-Book-Abos und gewaltige Hörspielproduktionen.
Spanien: Die Ära des „Bolsilibro“ #
In Spanien wurde die Pulp-Tradition durch das Bolsilibro definiert – winzige Bücher im Taschenformat, die oft in Friseursalons oder auf Straßenmärkten getauscht wurden.
Die Vergangenheit: In den 1950er und 60er Jahren dominierten Verlage wie Editorial Bruguera die spanischsprachige Welt. Autoren wie Corín Tellado (die Königin der Liebesromane) und George H. White (Sci-Fi) schrieben in rasantem Tempo. Dies waren Bücher einer „Tauschkultur“: Man kaufte eines, las es im Bus und tauschte es an einem Gebrauchtwarenstand gegen das nächste ein.
Die Gegenwart: Das wöchentliche Kiosk-Modell brach in Spanien in den 1990er Jahren zusammen. Dennoch gibt es heute einen riesigen „Nostalgiemarkt“. Kleine Mikroverlage veröffentlichen nun neue Bolsilibros im klassischen 10x15-cm-Format, um Sammler zu bedienen, die den rauen, rasanten Stil der alten Tage vermissen.
Frankreich: Von „Feuilletons“ zu High Fantasy #
Frankreich hat eine lange Geschichte der „Serienliteratur“, war aber das erste Land, das sie von billigen Heften zu etwas Dauerhafterem „erhob“.
Die Vergangenheit: Frankreich erfand das Feuilleton – Geschichten, die kapitelweise in Tageszeitungen veröffentlicht wurden. Legenden wie Fantômas (der maskierte Verbrecher) waren das französische Äquivalent zu den Pulp-Helden. Mitte des 20. Jahrhunderts veröffentlichten Reihen wie Fleuve Noir (Schwarzer Fluss) Tausende von Sci-Fi- und Krimigeschichten in einem kleinen Taschenbuchformat namens „Anticipation“.
Die Gegenwart: Frankreich entfernte sich schneller vom „dünnen Heft“ als Deutschland. Heute lebt der französische „Pulp“-Geist in Bandes Dessinées (Graphic Novels) und hochwertigen Massenmarkt-Taschenbüchern weiter. Während man am Kiosk kaum noch dünne Heftchen sieht, gehören französische Leser weltweit zu den größten Konsumenten von Fortsetzungs-Mangas und Fantasy-Romanen.
USA: Die Geburtsstätte des „Pulp“ #
In den Vereinigten Staaten begann alles mit dem Dime Novel und dem Pulp Magazine, aber hier starb das ursprüngliche Format auch am konsequentesten aus.
Die Vergangenheit: In den 1930er Jahren beherrschten Charaktere wie The Shadow, Doc Savage und Conan der Barbar die Zeitungskioske. Diese wurden auf „Pulp“ (billigem Holzschliffpapier) gedruckt, daher der Name. Sie waren die direkten Vorfahren der modernen Superhelden-Comics.
Die Gegenwart: In den 1950er Jahren wurde das „Pulp Magazine“ durch das Massenmarkt-Taschenbuch und das Fernsehen ersetzt. Heute ist die US-Pulp-Szene fast ausschließlich digital oder im High-End-Bereich angesiedelt. Man kann zwar kein wöchentliches Doc-Savage-Heft mehr an der Tankstelle kaufen, aber die Geschichten sind nach Hollywood abgewandert – fast jeder große Marvel- oder DC-Film ist im Grunde nur eine großbudgetierte Version einer Pulp-Story aus den 1930ern.
Zusammenfassung: Wo findet man heute die „Seele“ des Pulps? #
Deutschland: Am Kiosk (Der letzte Ort, an dem das dünne Heft regiert).
Spanien: Auf Flohmärkten oder in speziellen „Pulp“-Boutiquen.
Frankreich: In der BD-Abteilung (Graphic Novels) der Buchhandlung.
USA: Im Kino oder auf dem Kindle.
Die Anatomie des Heftes #
Diese Publikationen haben sehr spezifische Merkmale. Sie sind auf „Pulp-Geschwindigkeit“ ausgelegt – schnell geschrieben, schnell gelesen und billig im Einkauf.
Deutschland: Der Heftroman
Die Hefte am Kiosk erscheinen fast immer im DIN-A5- oder DIN-A4-Format.
Maße: Meist 15,5 x 22,5 cm (Standard) oder 21 x 29,7 cm (Großformat). Sie sind sehr dünn, meist nur 64 Seiten.
Wortzahl: Zwischen 20.000 und 25.000 Wörtern. Von einem Profi-Autor wird erwartet, dass er ein ganzes Heft in einer Woche schreibt.
Berühmte Autoren: Helmut Rellergerd (Jason Dark), K.H. Scheer & Clark Darlton (Perry Rhodan), Heinz Werner Höber (Jerry Cotton).
Spanien: Das Bolsilibro #
Diese waren viel kleiner als die deutschen Hefte – buchstäblich so konzipiert, dass sie in die Jackentasche eines Arbeiters passten.
Maße: Meist 10,5 x 15 cm. Sie wirkten eher wie winzige, dicke Ziegel als wie dünne Zeitschriften.
Wortzahl: Etwa 20.000 bis 30.000 Wörter auf ca. 96 bis 128 kleinen Seiten.
Berühmte Autoren: Corín Tellado, Francisco González Ledesma (Silver Kane), Antonio Vera Ramírez (Lou Carrigan).
USA: Die klassischen Pulps #
Die amerikanischen Pulps waren größer und glichen eher dicken Magazinen, bevor sie zum Massenmarkt-Taschenbuch wurden.
Maße: Das „Standard Pulp“ war 7 x 10 Zoll (ca. 18 x 25 cm). Sie waren dick, oft 128 Seiten.
Wortzahl: Ein einzelnes Magazin enthielt oft einen Hauptroman von 30.000–40.000 Wörtern plus Kurzgeschichten (insgesamt ca. 65.000 Wörter).
Berühmte Autoren: Lester Dent (Kenneth Robeson), Robert E. Howard (Conan).
Frankreich: Fleuve Noir & Anticipation #
Frankreich bevorzugte selbst bei billigen Thrillern einen etwas „eleganteren“ Taschenbuch-Look.
Maße: 11 x 17,5 cm (Das „Petit Format“).
Wortzahl: Meist länger als die deutschen Hefte, zwischen 35.000 und 45.000 Wörtern.
Berühmte Autoren: Stefan Wul, Jean-Gaston Vandel.
Vergleich der „Pulp-Geschwindigkeit“ #
Land, Format-Name, Wortzahl (typisch) , Vibe.
Deutschland , Heftroman , 22.000 , Wöchentliche Serie, dünn, Zeitschriftenpapier.
Spanien , Bolsilibro , 25.000 , Winzige „Taschenziegel“, sehr bunte Cover.
USA , Pulp Magazine , 40.000+ , Raues, gelbliches Papier, hochexplosive Kunst.
rankreich , Petit Format , 40.000 , Kleines Taschenbuch, oft Sci-Fi oder Spy Noir.
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